Handbuch

Palliativmedizin

Leiter:
Prof. Dr. med. Christoph Ostgathe
 

Handbuch - Schlüsselbegriffe in der Palliativversorgung

Schlüsselbegriffe in der Palliativversorgung

Das Handbuch „Schlüsselbegriffe in der Palliativversorgung“ soll – einem Wörterbuch ähnlich – einen Überblick über wichtige Inhalte und Schlüsselbegriffe für Patientinnen, Patienten und Angehörige, neue und erfahrene Beschäftigte und für die interessierte Öffentlichkeit eine nachhaltige Wissensressource darstellen.
Berücksichtigt wurden bei der Erstellung des Handbuchs diejenigen Begriffe für die drei Kriterien genügen.

Die Begriffe müssen

  • in den letzten 20 Jahren eine anhaltend wichtige Rolle in der Palliativmedizin gespielt haben,
  • wichtige Alleinstellungsmerkmale der Palliativmedizin im Vergleich mit anderen Disziplinen darstellen,
  • in palliativmedizinischen Fachtexten häufig vorkommen.

Bei Fragen und Anregungen kontaktieren Sie uns gerne (Ansprechpersonen siehe rechte Spalte).

20 Schlüsselbegriffe wurden in einer Broschüre der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin e.V. veröffentlicht.

Weitere Schlüsselbegriffe werden hier nach und nach aufgenommen.
 

Achtsamkeit

Achtsamkeit

Achtsamkeit
Score-Wert:        15 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Achtsamkeit als Begriff gewinnt in der Palliativversorgung um 2006 immer stärker an Bedeutung. Von Achtsamkeit wird in einer eher niedrigen Frequenz gesprochen, das Wort ist aber ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber vielen anderen medizinischen Disziplinen und als solches eine Besonderheit der Palliativversorgung.

Bedeutungsspektrum in der Palliativversorgung
Das Sprechen von Achtsamkeit ist insbesondere in Fachmedien verknüpft mit dem Interesse an Emotionen und Kognition der Patientin/des Patienten. Dieses steht im Kontext psychologischer Vorstellungen einer „Innerlichkeit“ der Patientin/des Patienten und einem ausgeprägten Interesse an dessen psychischer Lebensqualität. Dabei wird zum Teil sehr explizit mit psychologischem Fachvokabular operiert (Selbstregulation, Selbstwirksamkeit, Bewältigung bzw. Coping). Dieser Wahrnehmungskontext ist beim Sprechen von Achtsamkeit grundsätzlich zu berücksichtigen. Achtsamkeit ist semantisch stark mit der Selbstwahrnehmung der eigenen Person verbunden. Obwohl sich grundsätzlich unterschiedliche Bedeutungsspielräume eröffnen, stehen die Wahrnehmung und das Spüren des eigenen Körpers und das Spüren der eigenen Bedürfnisse und Grenzen im Vordergrund. Achtsamkeit kann neben dieser psychisch-physischen Komponente aber auch die Bewusstheit des eigenen Lebens bedeuten. Achtsamkeit meint dann die Kultivierung des Bewusstseins für die eigenen Lebensumstände und die soziale Eingebundenheit. Sie entspricht damit einem der Palliativversorgung eigenen Fokus auf die Lebenswelt des Patienten oder der Patientin. Diese Bedeutungskomponente steht jedoch eher im Hintergrund.
Achtsamkeit als Selbstzuwendung kann konkrete positive Implikationen für die Lebensqualität und Zufriedenheit der Patientinnen, Patienten und Angehörigen. Damit verbunden sind sogenannte achtsamkeitsbasierte Verfahren bzw. achtsamkeitsbasierte Therapien, beispielsweise Yoga, Atemübungen, MSBR (Mindfulness-Based Stress Reduction bzw. achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) sowie Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Diese Therapieformen dienen zur Erholung, zur Stärkung der eigenen Ressourcen, zur Stressreduktion und zur Bewältigung von Belastungen. Teilweise werden achtsamkeitsbasierte Verfahren sogar zur nicht-medikamentösen Behandlung von Depressionen empfohlen. Im Gegensatz zu anderen Kontexten ist Achtsamkeit in der Palliativversorgung kaum mit Konzepten buddhistischer Lehren und Meditationspraktiken verknüpft. In sehr seltenen Fällen bezieht sich Achtsamkeit überdies auf die Perspektive der Mitglieder des multiprofessionellen Teams, sie sollen mit Patientinnen, Patienten und Angehörigen achtsam kommunizieren, gleichzeitig aber auch sich selbst gegenüber achtsam sein und angesichts der belastenden Tätigkeit die eigenen Bedürfnisse berücksichtigen. Hier wird Achtsamkeit zum Teil synonym zu Einfühlsamkeit und Empathie verwendet.

Kollokationen: Einklang, Hinspüren, Abwägen, religiös-spirituell, Kultursensibilität, Natürlichkeit, Einfühlsamkeit, wertschätzen, Stressreduktion, Hinsehen, Aufrichtigkeit, Meditation, Akzeptanz, Yoga, Entspannungsverfahren, Mitgefühl, Resilienz, Anteilnahme, sensibel

Feststehender Begriff: Nein. Die semantische „Spannbreite“ dessen, was als achtsam bezeichnet werden kann, ist groß.

Advance Care Planning (ACP)

Advance Care Planning (ACP)

Advance Care Planning (ACP)    Score-Wert:   12 (wichtiges Vokabular)

Geschichte  Der Begriff wird vor 2011 praktisch nicht verwendet, er tritt lediglich in zitierter englischer Literatur auf. Dem systematischen Gebrauch ab 2011/2012 folgt sehr schnell die Lehnbildung vorausschauende Versorgungsplanung, der heute zu Advance Care Planning synonym verwendet wird.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin  Die Ersterhebung in der Palliativmedizin dient dazu, individuellen Bedürfnisse des Patienten korrekt zu erkennen und eine entsprechende Behandlung im Sinne des informierten Patientenwillens einzuleiten. Advance Care Planning bietet hierfür ein Modell für strukturiertes und vorausschauendes Vorgehens,  um Veränderungen des Befindens sowie der Bedürfnisse und Wünsche des Patienten rechtzeitig zu erkennen.  Zu den wichtigsten Anliegen der vorausschauenden Versorgungsplanung zählt das Erstellen einer Patientenverfügung. Schon hierin liegt eine wichtige terminologische Unsicherheit begründet: ACP in einem allgemeineren Sinne bedeutet das Streben nach der bestmöglichen Umsetzung der individuellen Präferenzen des betroffenen Patienten und seiner Angehörigen im Behandlungsprozess. Dieses Anliegen bezieht sich nicht nur auf das übergeordnete Therapieziel (Lebensverlängerung vs. Steigerung der Lebensqualität in einer palliativen Situation), sondern auch auf weitere Aspekte:

  • Präferenzen in Bezug auf die zu gestaltende Lebenszeit, etwa hinsichtlich der konkreten Lebensgestaltung, des Lebensortes und des Sterbeortes
  • Fragen der Gestaltung des Lebensendes bei Verlust der Einwilligungsfähigkeit, woraus eine Patientenverfügung resultieren kann (ähnlich wie bei der ACP im engeren Sinne).

ACP bezeichnet ein konkretes Konzept kooperativer Vorsorge unter Einbezug von gesetzlichen Vertretern oder Bevollmächtigten, Behandelnden und Betreuenden. Dabei werden in einem kontinuierlichen, strukturierten Beratungs- und Begleitungsprozess Vorstellungen des Patienten ermittelt festgehalten.. Beratungsprozess und eventuelle Willensentscheidungen des Patienten werden schriftlich dokumentiert. Basis für ein funktionierendes Advance Care Planning ist eine gute Beziehung zwischen Beratendem und Patient.

Kollokationen: Programm, Versorgungsplan, vorausschauend, vorbereiten, Englisch, Behandlungsplanung, Vorsorgeplanung, Lebensende, Definition, Zielsetzung, Effekt.

Feststehender Begriff: Ja. Allerdings werden teilweise unterschiedliche deutsche Übersetzungen des Begriffes verwendet (Versorgungsplan, Behandlungsplanung vs. Vorsorgeplanung). Dieser Umstand ist u. a. auf das unterschiedliche Verständnis des Inhalts von ACP zurückzuführen.

Autonomie

Autonomie

Autonomie, Selbstbestimmung
Score-Wert:
        19,5 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
In medizinethischen Fachtexten besteht seit dem 20. Jhd. ein immer größeres Interesse an Zusammenhängen von Autonomie und Selbstbestimmung. In der zweiten Hälfte des 20. Jhd. wird der Autonomiebegriff in der Onkologie und in der Schmerztherapie zunehmend häufiger verwendet. Diesen Verwendungsmustern liegt ein Paradigmenwechsel in der ärztlichen Haltung zugrunde, der weg von ärztlichem Paternalismus und hin zu einer an der Autonomie der Patientin/ des Patienten orientierten Haltung führt. Die Palliativmedizin hat diesen Paradigmenwechsel in ihren Werthaltungen früh und konsequent vollzogen: Autonomie und Selbstbestimmung gehören seit Beginn des Untersuchungszeitraums zu den Schlüsselbegriffen der Palliativmedizin.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Obwohl sich eine klare Grenzziehung zwischen Autonomie und Selbstbestimmung in der Alltagssprache kaum begründen lässt – hier ist es in den meisten Kontexten möglich, beide Begriffe synonym zu verwenden –, können anhand einer empirischen Analyse Tendenzen in der Fachsprache der Palliativmedizin benannt werden.
Der Autonomiebegriff existiert in der abendländischen Philosophie seit mindestens 2400 Jahren, und er bewegt sich auch in der Palliativmedizin semantisch in der Nähe anderer philosophisch-ethischer Kategorien wie Freiheit, Würde, Gerechtigkeit, Achtung, Individualität, Wunsch und Wille. Autonomie bedeutet die Achtung der Person (der Subjekthaftigkeit) des kranken und sterbenden Menschen. Handlungsautonomie als globale Autonomie steht semantisch in der Nähe von Selbstständigkeit und bezeichnet die physischen und kognitiven Fähigkeiten, das eigene Leben ohne Hilfebedarfe effektiv bewältigen zu können. Autonomie ist ein wichtiger Teil der Lebensqualität. Kontextabhängig kann Autonomie als Überbegriff zu Selbstbestimmung gesehen werden (z.B. Achtung der Autonomie und der Menschenwürde auch bei eingeschränkter oder aufgehobener Selbstbestimmungsfähigkeit). Global gesehen bildet Autonomie einen Gegenbegriff zu ärztlichem Paternalismus.
Das Wort Selbstbestimmung wird wesentlich häufiger in Rechtskontexten verwendet, beispielsweise im Kontext von Patientenverfügungen oder Einwilligungsfähigkeit. Es meint dann im Sinne eines juristischen Persönlichkeitsrechts die psychischen, kognitiven (und physischen) Fähigkeiten, den eigenen Willen zu artikulieren und etwa in Bezug auf Behandlungsverläufe und Therapiezieländerungen begründet Entscheidungen zu treffen. Zahlreiche juristische Wörter werden zur Basis Selbstbestimmung gebildet (Selbstbestimmungsgrundsatz, Selbstbestimmungshandlung, Selbstbestimmungsrecht, Selbstbestimmungsfähigkeit). Aufklärung und Kommunikation sind die patientenseitigen Mittel zur Wahrnehmung von Selbstbestimmung und zur Artikulation des eigenen Willens.
Alle hier angeführten semantischen Unterscheidungen bezeichnen lediglich Tendenzen. In Fachtexten ist Synonymie grundsätzlich möglich. Kollokationen zeigen, dass es zu den wichtigsten Aufgaben der Palliativmedizin gehört, sowohl Autonomie als auch Selbstbestimmung zu ermöglichen, zu fördern und zu erhalten. Der Erhalt von Autonomie kann nicht nur durch Symptomlinderung gewährleistet werden, sondern auch mithilfe von physiotherapeutischen, logopädischen und weiteren aktivitätsfördernden Konzepten.

Kollokationen: Respekt, Konzeption, Integrität, Wahrung, Paternalismus, Philosophie, Vorsorgeplanung, Gerechtigkeit, Fürsorge, Entscheidungssituation, Selbstbestimmung, Achtung, Prinzip, Menschenwürde, Vertrauen, Freiheit, Stärkung, Förderung, Verlust, Patientenverfügung

Feststehender Begriff: Nein. Die Wörter Autonomie und Selbstbestimmung werden in der Palliativmedizin in vielen Kontexten verwendet, wobei eine Reihe von wichtigen Domänen benannt werden kann, in denen das Wort vorkommt.

 

 

Bedürfnis

Bedürfnis

Bedürfnis, Bedürfnisorientierung
Score-Wert:
        30 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Die vier Bedürfnisdimensionen blicken in der Palliativmedizin auf eine lange Geschichte zurück und sind bereits um 2000 als fester „Bedürfniskatalog“ ausgebildet. Bedürfnisse sind in den frühesten untersuchten Texten häufig konkreter physiologischer, sozialer oder spiritueller Art: Schlafbedürfnis, Redebedürfnis, Nähebedürfnis, Bedürfnis nach emotionaler Unterstützung. In Texten seit ca. 2012 werden immer häufiger auch nicht-physiologische Bedürfnisse genannt: Informationsbedürfnis, Autonomiebedürfnis, Bedürfnis nach Erfahrungsaustausch, Bedürfnis nach Selbstverwirklichung.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Die in der S3-Leitlinie (S. 53-57) genannten Bedürfnisdimensionen sind sehr stark an der Lebensqualität der Patientinnen/Patienten orientiert. Als Aspekte der Bedürfnisorientierung zielen sie auf eine konsequente Orientierung der Palliativmedizin an den Bedürfnissen von Patientinnen/Patienten und Angehörigen ab. Dennoch lassen sich auf Basis der Fachtextanalyse Bedürfnisse ergänzen: So werden etwa auch das Autonomiebedürfnis, Kontrollbedürfnis und Informationsbedürfnis als wichtige Patientenbedürfnisse dargestellt. Diese eher auf das Arzt-Patienten-Verhältnis bezogenen Bedürfnisse werden in anderen Zusammenhängen häufig thematisiert, haben jedoch keinen Eingang in die zentralen Bedürfnisdimensionen der Palliativmedizin gefunden. Bedürfnisorientierung kann autonomieunterstützend wirken. Dennoch ist Bedürfnisbefriedigung nicht zwingend an aktives Handeln der Patientin/des Patienten geknüpft und damit nicht immer Zeichen gelebter Autonomie: Bedürfnisse können entweder vom Behandlungsteam erfasst/ermittelt oder von Patientinnen/Patienten und Angehörigen geäußert werden.
Der Begriff Bedürfnis ist klar von Bedarf abzugrenzen. Bedürfnis ist ein interner, subjektiv-individueller Anspruch oder Wunsch einer Person oder Personengruppe. Es können in den Fachtexten (1) allgemeine Bedürfnisse als Dispositionen (Nahrungsaufnahme, soziale Kontaktbedürfnisse, Abwesenheit von Schmerz, Sicherheitsbedürfnis) von (2) konkreten situationalen Bedürfnissen in Folge von erlebten Mangelzuständen (Hunger, Durst, Nähebedürfnis, Informationsbedürfnis, Ruhebedürfnis) abgegrenzt werden. Bedarf bezeichnet einen situational bestehenden, nachvollziehbaren, nicht aus eigener Kraft zu behebenden Mangel- oder Belastungszustand einer Patientin/eines Patienten und ist als zeitlich begrenzter Zustand mit der Semantik von (2) gleichzusetzen. Problematischerweise werden Bedarf und Bedürfnis nicht immer trennscharf verwendet, es ergeben sich Überschneidungen (Angehörige haben ein Informationsbedürfnis). Gerade das Wort Bedarf geht häufig mit der Nennung konkreter Ressourcen einher und bezieht sich in der Regel auf quantifizierbare Mengen (Versorgungsbedarf), während in sozialen und spirituellen Kontexten eher das Wort Bedürfnis gebraucht wird (Angehörige x hat heute ein Nähebedürfnis).
Akteurinnen/Akteure, die bedürfen, sind in aller Regel Patientinnen/Patienten oder Angehörige. Die Bedürfnisse von Teammitgliedern werden in den Fachtexten nur äußerst selten thematisiert.

Kollokationen: befriedigen, Bedarf, seelsorgerisch, spirituell, individuell, psychosozial, religiös, Wunsch, Ermittlung, geistig-seelisch, erfassen, erfüllen, Orientierung, Migrationshintergrund, Geborgenheit, Wärme, Belastungen, emotional, persönlich.

Feststehender Begriff: Ja. Bedürfnis wird im Glossar der erweiterten S3-Leitlinie Palliativmedizin definiert. Die Leitlinie nennt die wichtigen Bedürfnisdimensionen physisch, psychisch, sozial und spirituell. Dies entspricht weitgehend der Verwendung in palliativmedizinischen Fachtexten.

Behinderung

Behinderung

Behinderung
Score-Wert:        13 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Menschen mit Behinderung kommt in der Palliativversorgung seit jeher besondere Aufmerksamkeit zu. Es könnte keine Phase in der Geschichte der Disziplin benannt werden, in der sich das Interesse an Menschen mit Behinderung maßgeblich von dem in anderen Phasen unterscheidet. In anderen Disziplinen wird bedeutend weniger über die Situation von Menschen mit Behinderung geschrieben. Um 2010 ist das Thematisieren von Palliativversorgung in der Behinderten bzw. Eingliederungshilfe zumindest in Fachtexten weit verbreitet.

Bedeutungsspektrum in der Palliativversorgung
Körperliche und geistige Behinderung als Bestandteil der Leiblichkeit eines Menschen ist in der Palliativversorgung generell eine relevante Kategorie.
Das besondere Interesse der Palliativversorgung an Menschen mit Behinderung liegt grundsätzlich in der Verbindung von Palliativversorgung und Behindertenpflege begründet. Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung sind häufig auch Orte des Sterbens und damit der Interessenssphäre der Palliativversorgung zuzuordnen. Dabei müssen Behinderteneinrichtungen insbesondere für einen würdevollen Umgang mit Sterbenden weiter sensibilisiert werden, beispielsweise durch Schulungen und Fortbildungen. Dabei kann das Leistungsspektrum für Personen mit Behinderung unterschiedlichste Aspekte umfassen, grundsätzlich sind medizinische, pflegerische, psychosoziale und ethische Herausforderungen zu berücksichtigen. Neben allgemeiner Palliativversorgung sind spezialisierte palliative Versorgungskonzepte mit ihrem multiprofessionellen Behandlungsansatz für die bestmögliche Umsorgung, Behandlung und Betreuung in der letzten Lebensphase für Menschen mit komplexen Bedarfen sinnvoll und zielführend. Die Implementierung von Palliativversorgung als Unterstützungsstruktur, als Kompetenz und als Haltung erscheint schon deshalb sinnvoll, weil der Sicht der Fachliteratur entsprechend Palliativkompetenzen zumeist nicht von den Einrichtungen selbst hinreichend getragen werden können.
Zentral ist dabei sowohl in Einrichtungen der Behindertenpflege als auch auf Palliativstationen selbst der Gedanke der Eingliederung. Menschen mit Behinderung soll ein möglichst alltägliches Leben in der Gesellschaft ermöglicht werden. Dabei ist die Schwelle zwischen Patientinnen und Patienten mit Behinderung und anderen Patientinnen und Patienten so niedrig wie möglich zu halten. 
Bestimmte Teilaspekte des Themas sind in Fachmedien der Palliativversorgung von besonderem Interesse. Hierzu zählen Symptomkontrolle bei Kindern mit Behinderung mit Funktionsstörungen, Wissen und Einstellungen von Personen mit Behinderung zum Themenbereich Sterben und Tod, die Evaluation von Kommunikationsqualität und Verstehensprozessen in der Kommunikation bei Menschen mit geistiger Behinderung. Ein besonderes Thema in der Palliativversorgung ist die Behinderung beim Kind, insbesondere Mobilitätsstörungen und damit verbunden wiederum die Teilhabemöglichkeiten an alltäglichen Aktivitäten. Trotz der relativ hohen Bedeutsamkeit des Themas in Fachtexten ist das Thema Behinderung in der aktuellen S3-Leitlinie Palliativversorgung eher unterrepräsentiert (7 Belege auf 551 Seiten).

Kollokationen: geistig, Eingliederungshilfe, schwer/schwerst, angeboren, Schweregrad, Selbsteinschätzung, mehrfach, neurologisch, Mensch, krank, Teilhabe, Einschränkung, Einrichtung, körperlich, seelisch, kognitiv, komplex, Abhängigkeit, Kind, Lebenserwartung, individuell, Leiden, Frau, Wissen, Lebensende

Feststehender Begriff: Ja. Die Einteilung in verschiedene Grade der Behinderung wird auch in der Palliativversorgung verwendet. Die Behinderung als Funktionseinschränkung ist im SGB IX klar definiert.

Beratung

Beratung

Beratung   Score-Wert:        17 (wichtiges Vokabular)

Geschichte  Die Wörter Beratung und beraten sind in palliativmedizinischen Fachtexten sehr häufig. Über 20 Jahre verteilt trat das Wort über 6600-mal im untersuchten Korpus auf, allein 82-mal in der S3-Leitlinie Palliativmedizin. Die relative Häufigkeit des Wortes veränderte sich im Laufe der Zeit praktisch nicht. Jedoch hat in den letzten zehn Jahren eine Ausdifferenzierung der Bereiche stattgefunden, in denen Beratung in der Palliativversorgung erfolgen kann.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin  Beratung e erfolgtd in vielen unterschiedlichen Situationen und mit vielfältigen Zielsetzungen. Eine erste Form frühzeitiger Beratung erfolgt schon beim Wechsel in eine Therapieform mit palliativer Zielsetzung. Frühe Integration der Palliativmedizin ist in der Regel auch eine Frage der Beratung, zum Beispiel palliativmedizinischen Beratung auf der Intensivstation oder im Rahmen onkologischer Behandlungssettings. Hierbei geht es vor allem um die Beurteilung der Sinnhaftigkeit des Einsatzes von bestimmten Therapieformen aus medizinischer Sicht. Sowohl auf Stationen als auch in Palliativdiensten im Krankenhaus wird im Falle komplexer Symptome und Bedürfnisse eine kontinuierliche, palliativmedizinische Beratung im multiprofessionellen Team erforderlich, die sich auf viele inhaltliche Bereiche beziehen kann:

  • Beratung zur Prävention von Symptomen: Konkrete Beratungshinweise betreffen vor allem Schmerzen, Luftnot, Übelkeit und Erbrechen, Fatigue, Müdigkeit und Schwäche, Obstipation und den Umgang mit malignen Wunden.
  • psychologische Beratung: Beratung zur Förderung der Resilienz und zum Aufbau von Coping-Strategien bei psychosozialem Belastungserleben ist sowohl für Patienten als auch für Angehörige relevant, beispielsweise im Umgang mit Angst. Die psychoonkologische Beratung stellt eine Sonderform dar. Eine  begleitende psychologische Beratung wird insbesondere bei Depressionen oder möglichen auftretenden Suizidgedanken wichtig.
  • Ethikberatung: Bei schwierigen oder kontroversen Entscheidungssituationen sollte eine Ethikberatung erfolgen, die die Entscheidungsfindung gegebenenfalls erleichtert und bei Konflikten eine moderierende Wirkung hat. Mit dieser soll eine Kultur der strukturierten Entscheidungsfindung gefördert werden.
  • Trauerberatung: Im Rahmen der Trauerbegleitung können eventuell auftretende komplizierte Trauerreaktionen identifiziert und bei Bedarf auf weiterführende Unterstützungsangebote hinwiesen werden.
  • Rechtliche, sozialrechtliche und finanzielle Beratung: Auch diese Formen von Beratung sind in Palliativsituationen relevant, sie können jedoch von Teammitgliedern nur in eingeschränktem Maße geleistet werden.

Wirkungsvolle Beratung basiert immer auf einer langfristigen vertrauensvollen Beziehung und einem wertschätzenden Kommunikationsverhältnis.

Kollokationen: sozialrechtlich, klinisch, psychosozial, psychoonkologisch, rechtlich, ethisch, ambulant, ärztlich, Information, Supervision, Begleitung, Angehörige, Patienten, Fortbildung, Psychotherapie, Coping, Stressbewältigung, Resilienz, Patientenverfügung, Aufklärung, spezialisiert, qualifiziert, Familie, Diagnostik.

Beziehung

Beziehung

Beziehung   Score-Wert:  15 (wichtiges Vokabular)

Geschichte Beziehungen und insbesondere soziale Beziehungen spielen in der Palliativmedizin seit dem Beginn des Untersuchungszeitraums eine zentrale Rolle. Das sehr ausgeprägte Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen ist ein maßgebliches Alleinstellungskriterium der Palliativmedizin im Vergleich mit eher Organ- und Erkrankungsbezogenen Disziplinen. Beziehungen sind dabei nur ein Teil eines vielgliedrigen Netzes von anderen wichtigen Aspekten wie Empathie, Lebensqualität, Kommunikation und dem hohen Stellenwert von Emotionen und patientenseitiger Wahrnehmung.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin  Zwischenmenschliche Beziehungen bestehen zwischen allen Akteuren, die an einer Palliativsituation beteiligt sind. Die soziale Interaktion zwischen Individuen ist in der Palliativmedizin ein wichtiger Orientierungsaspekt in Bezug darauf, wie mit Patienten und Angehörigen umgegangen werden muss. Schon die Palliativstation selbst wird in Fachtexten und auf Webseiten als Ort gekennzeichnet, an dem soziale Interaktionen und Kommunikationshandlungen stattfinden und der sich – metaphorisch gesprochen – durch menschliche Wärme auszeichnet. Die Atmosphäre auf einer Palliativstation ist nicht nur eine Rahmenbedingung für gelingende Beziehungsinteraktionen zwischen Teammitgliedern, Patienten und Angehörigen. Die Qualität der Beziehung zwischen Arzt, Patient und Angehörigen ist als wichtigste Stellgröße für eine gute Informationsübertragung und letztlich auch gute Behandlungsqualität inwischen anerkannt („Droge Arzt“). Dabei ist in Texten der letzten Jahre ein Wandel in der Darstellung der Arzt-Patienten- Beziehung zu erkennen: Die eher einseitige medizinische Informationsübertragung vom Arzt zum Patienten wandelt sich immer stärker zur Idealvorstellung einer partizipativen Arzt-Patienten-Beziehung, in der der Patient, wo es denkbar ist, als möglichst gleichberechtigter Partner auftreten soll. Insbesondere  sollen Patienten selbst über anstehende Fragen entscheiden. Zweifellos sind dieser idealisierenden Vorstellung in der Realität aber auch Grenzen gesetzt. Insgesamt soll die Beziehung zwischen Teammitgliedern und Patienten von bestimmten Werten wie Offenheit, Ehrlichkeit, Verständnis und Respekt gekennzeichnet sein. Ebenso wichtig wie die Beziehung zwischen Teammitgliedern und Patienten ist die Beziehung zwischen dem Patienten und seinen Angehörigen. Funktionierende Sozialbeziehungen geben Patienten Sicherheit und helfen bei der effektiven Bewältigung belastender Situationen: Angehörige stellen in Palliativsituationen eine wichtige Stütze dar. Sozialbeziehungen zu Angehörigen und Familienmitgliedern werden in Texten über Coping-Strategien häufig als persönliche Ressourcen bezeichnet. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Sozialbeziehungen von älteren Menschen, hier ist das Risiko des Abbaus sozialer Kontakte besonders hoch. „Im Alter allein sein“ oder „allein sterben müssen“ gehört zu häufig genannten Ängsten alter Menschen. Beziehungen spielen auch im Hinblick auf Trauerrituale eine wichtige Rolle. Rituale besitzen nicht nur eine Ordnungs- und Routinefunktion, sie dienen auch dazu, die sozialen Beziehungen von Individuen zueinander stärken oder können zur gemeinsamen Bewältigung einer Problemlage beitragen. Insgesamt ist zu konstatieren, dass es sich beim Lebensende per se um eine soziale Situation handelt, die niemals völlig abgekoppelt von anderen Menschen bestritten wird.

Kollokationen: vertrauensvoll, tragfähig, lebendig, emotional, eng, Aufbau, sexuell, sozial, therapeutisch, persönlich, individuell, Kontakt, zwischen, Vertrauen, menschlich, intensiv, Gestaltung, Gott, Dimension, beruflich, Bezugsperson, Liebe, Qualität, Zugehörige, Tochter, Angehörige, Kommunikation, professionell, Patient, Arzt, Sterbende.

Feststehender Begriff: Nein. Der Begriff liegt in einer alltagssprachlichen Bedeutung vor und unterscheidet sich nicht maßgeblich vom allgemein gebräuchlichen Beziehungsbegriff. Konkret sind in diesem Fall aber vor allem Sozialbeziehungen zwischen Personen gemeint.

Ehrenamt, ehrenamtlich

Ehrenamt, ehrenamtlich

Ehrenamt, ehrenamtlich    Score-Wert:        16 (wichtiges Vokabular)

Geschichte Die zentrale Rolle des Ehrenamts in der Palliativmedizin ist unter den medizinischen Disziplinen einzigartig. Die Wörter Ehrenamt und ehrenamtlich sind schon am Beginn des Untersuchungszeitraums im Jahr 2000 wichtig, und ihre Bedeutung nimmt im Verlauf der Zeit noch zu. In späteren Perioden sind Begriffe des Ehrenamts immer stärker mit Wortschatz der Strukturierung und Qualitätssicherung verknüpft: Das Ehrenamt wird spätestens seit Ende der 2000er Jahre immer stärker professionalisiert.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin  Die Zweiteilung in Ehrenamt und Gesundheitsberuf ist tief in palliativmedizinischen Texten verankert. Das Verhältnis zwischen beruflicher Arbeit und Ehrenamt wird im Allgemeinen komplementär, d.h. als positives Ergänzungsverhältnis gesehen. Auf die allgemeine Wertschätzung des Ehrenamts in der Palliativversorgung weisen nicht nur zahlreiche positive Kollokationen, sondern auch viele Metaphern hin, mit denen die wichtige Rolle des Ehrenamts hervorgehoben wird (Ehrenamt als Grundlage, Grundfeste, tragendes Element, tragende Säule, tragender Baustein). Ehrenamtliches Engagement wird häufig in Zusammenhang mit den Wörtern Palliative Care bzw. Palliativversorgung genannt, aber kaum mit dem Wort Palliativmedizin. Das Merkmal der Ehrenamtlichkeit ist aber noch stärker mit der Sphäre des Hospizwesens verknüpft. Die Hospizarbeit wird in höherem Maße als die Palliativversorgung von Ehrenamtlichen mitgestaltet – jedoch wären weder Hospizwesen noch Palliativversorgung ohne Ehrenamtliche in der heutigen Form denkbar. In den Texten werden immer wieder Idealvorstellungen in Bezug auf die Eigenschaften ehrenamtlicher Mitarbeiter genannt: Diese sollen etwa qualifiziert/ausgebildet, freundlich, engagiert, patientennah, selbstständig und belastbar sein. Mögliche negative Aspekte ehrenamtlicher Tätigkeiten – beispielsweise Belastung und Überbelastung oder Selbstüberschätzung und emotionale Verstrickung – spielen dagegen kaum eine Rolle. Einfühlsamkeit und ein positiver Blick auf soziale Beziehungen sind für Ehrenamtliche von besonderer Bedeutung. Mit hoher emotionaler Involviertheit und sozialer Kompetenz verknüpfte Bereiche wie die Trauerbegleitung und Sterbebegleitung zählen in den Fachtexten seit jeher zu den ureigensten Domänen ehrenamtlichen Engagements,  in Abgrenzung zum Ideal der „professionellen Distanz“ der hauptamtlichen Mitarbeiter. Sowohl Hauptamtliche als auch Ehrenamtliche müssen, um hochwertige Arbeit zu leisten, Weiterbildungsangebote absolviert haben. Auch Ehrenamtliche sind damit einem gewissen Qualifizierungsdruck unterworfen, sie sind fester Bestandteil von Prozessen der Qualitätsentwicklung. Qualitätsmanagement betrifft nicht nur Ärzte und Teammitglieder, sondern sehr explizit auch Ehrenamtliche, besonders im Bereich der Sterbebegleitung.

Kollokationen: Engagement, hauptamtlich, qualifiziert, Qualitätsanforderung, unentgeltlich, Hospizmitarbeiter, Hospizbegleiter, Hospizhelfer, geschult, Helfer, karitativ, Vorbereitungskurs, patientennah, Befähigung, Hospizverein, Kernteam, Schweigepflicht, Fortbildungsangebot, Koordinator, Rollenverständnis, Sterbebegleiter

Feststehender Begriff: Ja. Ehrenamtlichkeit ist definiert als Handeln, in dessen Rahmen eine Einzelperson oder eine Gruppe freiwillig und unentgeltlich Arbeit leistet.

Entscheidung

Entscheidung

Entscheidung, Entscheidungsfindung
Score-Wert:
        30 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Entscheidungsprozesse spielen schon von Beginn an eine wichtige Rolle in der Palliativmedizin. In früheren Texten bezieht sich das Wort Entscheidung in der Regel direkt auf die Entscheidungsfähigkeit im engeren Sinne (z.B. im Kontext der Einrichtung einer gültigen Patientenverfügung). Verstärkt nach 2009 werden gemeinsame Behandlungsentscheidung zwischen Ärztin/Arzt, Patientin/Patient und Angehörigen thematisiert.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Die Ausgestaltung von Entscheidungsprozessen betrifft alle Aspekte der palliativmedizinischen Fachkultur. Entscheidungsprozesse treten in der Fachliteratur in einer ganzen Reihe von Einzelkontexten auf:

  • Ärztliche Entscheidung für oder gegen eine mögliche weitere Diagnostik oder Therapie; Entscheidungen, die den Nutzen oder Schaden von Therapien betreffen
  • Patientenseitige Entscheidung über Zustimmung oder Ablehnung von Therapiemaßnahmen
  • Entscheidungsfindung bei Nicht-Einwilligungsfähigkeit

Merkmale einer als positiv bewerteten Entscheidungssituation sind Freiwilligkeit, Informiertheit und Rechtzeitigkeit (das Vorliegen eines angemessenen Zeitraums, in dem entschieden wird). In den Fachtexten besteht insbesondere Einigkeit darüber, dass in die Entscheidungsfindung sowohl Patientinnen/Patienten als auch Angehörige und Pflegende einzubeziehen sind. Entscheidungsfindung erscheint in den Texten als egalitärer Prozess, der auf Kommunikationsakten zwischen Ärztin/Arzt und Patientin/Patient basiert. Partizipation erhebt eine aktive Beteiligung des Patienten/der Patientin an kommunikativen Entscheidungsprozessen zum Ideal, das im geschützten Rahmen eines Vertrauensverhältnisses zwischen Ärztin/Arzt und Patientin/Patient besteht. Eine hierarchisches Arzt-Patienten-Verhältnis wird in der Regel abgelehnt und als veraltet kritisiert (Paternalismus).
Eine gezielte Verbesserung der Gesprächskultur (im Sinne einer Autonomieübertragung) kann die Patientin/den Patienten hingegen dazu ermutigen, selbst als autonom Handelnde/-r aufzutreten. Von ärztlicher Seite aktiv vermittelte und eingeforderte Partizipative Entscheidungsfindung bedeutet damit auch eine Gewährleistung von Patientenautonomie. Am Schluss von Entscheidungsprozessen steht das Moment der formalen Autorisierung, also die rechtsgültige Zustimmung zu einer gemeinsam herausgearbeiteten Behandlungsmaßnahme.
Entscheidungsfindung bezieht sich nicht ausschließlich auf die Arzt-Patient-Interaktion im engeren Sinne. Die Analyse von Wortkontexten lässt erkennen, dass viele Entscheidungsprozesse primär im häuslichen Umfeld vollzogen werden und zu einem großen Teil auf Kommunikationsakten unter Angehörigen basieren. Auch ein gegenseitiger Austausch im Team kann zu einem Perspektivenwechsel beitragen und dabei helfen, Entscheidungen gemeinsam auf eine solidere Basis zu stellen.
Entscheidungsfindung stellt besonders in jüngeren Texten (spätestens ab 2010) ein wichtiges Forschungsinteresse der Palliativmedizin dar.

Kollokationen: partizipativ, shared decision making, autonom, selbstbestimmt, Vorsorgeplanung, Tragweite, Behandlungsabbruch, Therapiezieländerung, Therapiebegrenzung, informieren, einbeziehen, Lebensende, ethisch, richtig, Vorausplanung, Flüssigkeitssubstitution

Feststehender Begriff: Ja. Definitionen rund um die Entscheidungsfindung finden sich in Kapitel 7 der erweiterten S3-Leitlinie Palliativmedizin 2019 (Langversion).

Ethik

Ethik

Ethik
Score-Wert:        28 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Der Begriff ist nicht zeitgebunden und tritt über alle untersuchten Zeiträume hinweg mit ebenmäßiger Verteilung über die Zeit auf. Ethische Fragen werden in den Palliativtexten verstärkt zwischen 2000 und 2005 sowie zwischen 2015 und 2017 verhandelt.

Bedeutungsspektrum in der Palliativversorgung
Ethik ist ihrer Grundbedeutung gemäß die Wissenschaft von der Bewertung menschlichen Handelns vom methodischen Nachdenken über die Moral. Ethisches Handeln wird insbesondere hinsichtlich seiner Begründbarkeit bewertet. Die Ethik ist eine hochgradig reflexive Disziplin. Als Teilgebiet zählt sie neben der Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie zu den Disziplinen der praktischen Philosophie. In palliativmedizinischen Texten bezeichnet Ethik bzw. eine Orientierung an ethischen Grundsätzen zunächst eine Werthaltung oder Haltung von in der Hospiz- und Palliativversorgung tätigen Personen im Behandlungsalltag. Diese besondere ethische Orientierung wird als Alleinstellungsmerkmal der Palliativversorgung gesehen und immer wieder gemeinsam mit anderen haltungsbezogenen Konzepten wie Kommunikation, Mitmenschlichkeit, Teamarbeit oder Patientenorientierung genannt. Die Palliativversorgung versteht sich selbst sehr explizit als ethische Disziplin.
Zweitens können in den Fachtexten bestimmte konkrete Bereiche, Felder und Fragestellungen der Ethik benannt werden, die in der Palliativversorgung von besonderem Interesse sind.
Hierzu zählt als wohl wichtigster Bereich mit unmittelbarer ethischer Relevanz die Sterbehilfe und damit direkt verbunden weitere Grundfragen ärztlicher Ethik, beispielsweise insgesamt ein sorgfältiges Abwägen von Nutzen und Schaden einer Maßnahme unter Einbeziehung der Wünsche, Ziele und Wertvorstellungen des Patienten. Die ethische Bewertung der Tötung auf Verlangen seitens der Palliativversorgung fällt negativ aus.
Unmittelbar mit der Gestaltung des Lebensendes verknüpft sind die ethischen Fragen nach der Angemessenheit von Behandlungsabbrüchen, Therapiezieländerungen und dergleichen. Hier besitzt das Konzept der Futility maßgebliche Bedeutung. Besondere Schwierigkeiten wirft die Frage auf, wann auf lebenserhaltende medizinische Maßnahmen verzichtet werden darf, weil diese vergeblich („futile“) sind. Die Indikationsstellung stützt sich auch auf das fachliche Urteil der Ärztin/des Arztes. Bei der Festlegung des Behandlungszieles und der therapeutischen Maßnahmen müssen vor allem Patientinnen/ Patienten, aber auch andere Teammitglieder und – falls von den Betroffenen gewünscht – auch Angehörige mit einbezogen werden. Auch die Ausgestaltung und Wirksamkeit von Patientenverfügungen ist ein wichtiges ethisches und rechtliches Thema in vielen palliativmedizinischen Fachtexten.
Ethische Fragen müssen sich in der Palliativversorgung jedoch nicht auf der Ebene der Individualethik bewegen, es werden auch makrostrukturelle Fragen erörtert, die die Ethik des Gesundheitssystems betreffen, beispielsweise Rationierung, Priorisierung, Rationalisierung und damit zusammenhängend Fragen der Pflegeethik.

Kollokationen: Sozialphilosophie, Sterbehilfegesetz, Diskursivität, Pflegeethik, Enquete-Kommission, Grundbegriff, neuzeitlich, konsequentialistisch, Kompetenzzentrum, zwischenmenschlich, Mitmenschlichkeit, John Stuart Mill, Moral, Realitätsnähe, sittlich, Utilitarismus, Medizinethik, Theologie, philosophisch, soziologisch, Gesundheitspolitik, Sterbehilfe, christlich, Verhalten, theoretisch, abwägen, Überversorgung, technisch, Organspende

Feststehender Begriff: Ja. Der Ethikbegriff ist in der Ethik und Philosophie klar definiert, die Verwendung in der Palliativversorgung unterscheidet sich davon nicht.

Freiheit

Freiheit

Freiheit
Score-Wert:        15 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Das Wort Freiheit ist ein von mehreren Diskursteilnehmern besetzter Begriff. Insbesondere wird er von Sterbehilfebefürwortern stark besetzt, die die Möglichkeit der Inanspruchnahme von Sterbehilfe am Lebensende als direkte Äußerung individueller Freiheit begreifen. Bei dieser Freiheit spielt insbesondere die Frage nach der Würde der eigenen Sterbeumstände eine Rolle. In der Palliativversorgung wird der Freiheitsbegriff wegen dieser ausgeprägten diskursiven Konkurrenz faktisch eher selten verwendet, jedoch immer noch häufiger als in den meisten anderen medizinischen Disziplinen.

Bedeutungsspektrum in der Palliativversorgung
In Bezug auf den Tod und das Sterben wird der Freiheitsbegriff in der Palliativversorgung kaum verwendet. In seltenen Fällen wird die Inanspruchnahme von Maßnahmen der Palliativversorgung selbst als Freiheit charakterisiert, semantische Konkurrenz des Freiheitsbegriffs in Gegenüberstellung mit den Sterbehilfebefürwortern wird aber tendenziell vermieden. Demgegenüber stehen die Aspekte der Würde, der Linderung und der Begleitung stärker im Vordergrund. Wie die Kollokationen zeigen, kann das Wort Freiheit in der Palliativversorgung dagegen in vielfältigen Kontexten verwendet werden. Die wichtigsten Bedeutungen werden hier aufgeführt:
Freiheit kann erstens bedeuten die Freiheit von Symptomen und damit eine erfolgreiche Symptomkontrolle. Freiheit wird zweitens verstanden als Unabhängigkeit im menschlichen Alltagsleben, besonders im Sinne einer funktionierenden Alltagsbewältigung mit nur geringen funktionalen Einschränkungen. Damit ist mit Freiheit vor allem die fehlende Notwendigkeit fremder Unterstützung bei alltäglichen Verrichtungen gemeint.
Freiheit kann drittens die Selbstbestimmung der Patientin/des Patienten in der Entscheidungsfindung bedeuten. Freiheit zeigt sich hier u.a. im Ausfüllen der Patientenverfügung. Die Errungenschaften der Palliativversorgung sollen schwerstkranken Patientinnen und Patienten die Freiheit geben, Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen bzw. persönliche Freiheit möglichst lange zu erhalten („assistierte Freiheit“). Freiheit meint schließlich aus der Perspektive der Ärztin/des Arztes die Freiheit der ärztlichen Berufsausübung als verfassungsrechtlich garantiertes Prinzip.
Das Wort Freiheit wird schließlich in vielen Texten auch als klar von Sterbehilfebefürwortern besetztes Prinzip erkannt, das in deren Argumentationsgängen bewusst idealisiert werde, letztlich aber vom unangreifbaren Wert des individuellen menschlichen Lebens wegführe.

Kollokationen: idealisiert, Vergebung, assistiert, Berufsausübung, Bewegungsfreiheit, Unterdrückung, absolut, ewig, Unabhängigkeit, Ideal, selbstbestimmt, menschlich, Gewalt, einschränken, Prinzip, Notwendigkeit, Zweifel, gewinnen, Angst, Selbstbestimmung, verlieren, Körper, Vorstellung, Verantwortung, Liebe, Autonomie, individuell, entscheiden.

Feststehender Begriff: Nein. Der Begriff liegt in einer alltagssprachlichen Bedeutung vor und unterscheidet sich nicht maßgeblich vom allgemein gebräuchlichen Freiheitsbegriff. In dieser Hinsicht stellt Freiheit ein nur schwer zu umreißendes, kontextspezifisch ausgestaltetes Rechtsgut dar. 

Freiheit am Lebensende

Freiheit am Lebensende

Freiheit am Lebensende  Score-Wert:        14 (wichtiges Vokabular)

Geschichte Freiheit ist als Begriff in der Palliativmedizin schon um 2000 bedeutsam, in einer frühen Phase von 2000 bis 2005 insbesondere in Abgrenzung zu Befürwortern aktiver Sterbehilfe, die ebenfalls versuchten, den Begriff aus ihrer eigenen Perspektive zu besetzen. Die Bedeutung des Freiheitsbegriffs für die Palliativmedizin hält bis heute an.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin Das Sprechen von Freiheit ist immer verknüpft mit dem Interesse an individuellen Handlungsmöglichkeiten von Individuen. In palliativmedizinischen Fachtexten betrifft das Sprechen über Freiheit sehr häufig Patienten und Angehörige. In den Jahren nach 2000 und noch einmal von 2015 bis 2019 spielte das Wort Freiheit im Diskurs um die aktive Sterbehilfe und das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung (§ 217) eine wichtige Rolle. Das Freiheitsargument ist das wichtigste und am häufigsten geäußerte Argument von Befürwortern der Legalisierung der Sterbehilfe: Die Strafbarkeit von Tötung auf Verlangen bedeutet aus dieser Perspektive eine Einschränkung der grundrechtlichen Freiheit des Patienten. Jeder unheilbar Kranke sollte demnach die Freiheit besitzen, den Zeitpunkt seines Lebensendes selbst zu bestimmen und  Hilfe zum assistierten Suizid in Anspruch zu nehmen, wenn dies möglich ist. Freiheit wird überdies mit weiteren positiven Wörtern wie Würde, Selbstbestimmung und Humanität in eins gesetzt. In der Palliativmedizin wird ein unbegrenztes Entscheidungsrecht des Sterbewilligen in Bezug auf die Beendigung des eigenen Lebens dagegen eher abgelehnt. Freiheit bedeutet in der Palliativversorgung nicht die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe, sondern vor allem der Erhalt von Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Lebens durch ein möglichst hohes Maß an Lebensqualität und Autonomie. Die Palliativmedizin versteht sich in den meisten Fachtexten als Alternative zur Sterbehilfe. Palliativmediziner können die Freiheit ihrer Patienten in vielerlei Hinsicht fördern und erhalten, hierbei existieren ganz unterschiedliche Bedeutungsaspekte des Freiheitsbegriffs:

  • Symptomfreiheit: Die Freiheit von Beschwerden ist einer der am häufigsten genannten Aspekte von Lebensqualität und die grundlegendste Form des Erhalts individueller Freiheit.
  • Gestaltungsfreiheit: Die Palliativversorgung hilft dabei, Schwerkranken die Freiheit zur Gestaltung ihrer verbleibenden Zeit zu erhalten. Die Freiheit, das eigene Leben gestalten zu können, ist letztlich ein ethischer und sogar existenzieller Wert.
  • Entscheidungsfreiheit: Die Palliativversorgung trägt zur Gewährleistung von Freiheit als individueller Entscheidungsfreiheit bei, insbesondere am Lebensende. Behandlungsentscheidungen am Lebensende sollen von den Patienten, wo dies möglich ist, in Einklang mit ärztlichen Empfehlungen frei getroffen werden, sie sind allerdings maßgeblich vom Grad der Autonomie bzw. Selbstständigkeit einer Person abhängig

Der Freiheitsbegriff bezieht sich überdies auch auf die Gewissens- und Berufsfreiheit des Palliativmediziners. Auch diese Form von Freiheit spielt im Kontext des Behandlungsalltags eine große Rolle, und auch sie wurde im Rahmen der Sterbehilfediskussion ausführlich erörtert.

Kollokationen: assistiert, größtmöglich, absolut, Unabhängigkeit, Notwendigkeit, Selbstbestimmung, Autonomie, Einschränkung, Eingriff, individuell, persönlich, ärztlich, Entscheidung, Wille, Mensch, Leben, Tod

Feststehender Begriff: Nein. Die semantische „Spannbreite“ dessen, worauf sich Freiheit bezieht und welche Bedeutungsmerkmale der Freiheitsbegriff in unterschiedlichen Kontexten trägt, ist groß.

Gefühl, Emotion

Gefühl, Emotion

Gefühl, Emotion
Score-Wert:        35 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Akteure wie Patientinnen und Patienten, Angehörige, Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und weitere Teammitglieder besitzen in der Palliativversorgung einen zentralen Stellenwert. Diese Akteure nehmen in palliativen Behandlungszusammenhängen an verschiedensten sozialen Interaktionen teil. Dabei zählen Emotionen seit den Anfängen der Palliativversorgung zu den wichtigsten Aspekten einer umfassenden und ganzheitlichen Betrachtung der Patientin/des Patienten.

Bedeutungsspektrum in der Palliativversorgung
Die Palliativsituation bringt per se eine gewisse grundständige emotionale Aufladung mit sich. Bei der Analyse der Texte der Palliativversorgung offenbart sich ein umfassendes Interesse an den Emotionen und Wahrnehmungsmustern der Patientinnen, Patienten und Angehörigen. Dabei existieren große Überschneidungsbereiche mit den Bereichen Kognition (Wahrnehmung und Verarbeitung), Kommunikation und Information. Die verbindende Klammer zwischen Kognition und Emotion wird durch das Wort fühlen deutlich – es kann sowohl in Kontexten des sinnlichen (Schmerz fühlen) als auch des emotionalen Wahrnehmens auftreten (Angst-, Trauer-, Schamgefühl usw.). Kognition, Spiritualität und Emotionen sind intime Bereiche der Innerlichkeit von Individuen nicht nur in einer Palliativsituation. In Fachtexten seit etwa 2010 besteht eine zunehmende Tendenz, die emotionale Befindlichkeit von Patientinnen, Patienten und Angehörigen unter Einbezug kognitionspsychologischer Vorstellungen zu beschreiben und zu evaluieren. In der Hospiz- und Palliativversorgung tätige Personen sollen Gedanken und Gefühle von Patientinnen, Patienten und Angehörigen verstehen und richtig einschätzen lernen. Emotionen sind Teil der psychischen Lebensqualität der Patientin/des Patienten und neben vielen auch individuellen Faktoren Ausdruck der jeweiligen momentanen Situation. Besonders häufig werden sie im Zusammenhang mit der unmittelbaren Sterbephase thematisiert. Im Trauerfall gewinnen Emotionalität und Emotionsregulation bei Angehörigen zusätzlich eine besondere ethische Dimension. Der Umgang mit Emotionalität ist ein wichtiges Merkmal guter Kommunikation seitens der Teammitglieder. Die Qualität einer Kommunikationshandlung hängt in der Palliativversorgung auch maßgeblich von emotionsbezogenen Werthaltungen wie Offenheit und Empathie ab.
Einige Emotionen wie Angst und Trauer werden in Fachtexten jüngeren Datums zunehmend pathologisiert, also als krankhaft eingestuft. Das Wort Angst wird neben einer allgemeinen Bedeutung als menschliche Emotion häufig auch als Symptom bezeichnet, zudem weisen Wortbildungen auf pathologische Ausprägungen der Angst hin (z.B. Angststörung). Für sehr stark ausgeprägte Formen von Trauer existiert eine Vielzahl von Wörtern, die sich semantisch zum Teil völlig decken (erschwerte, pathologische, komplizierte Trauer usw.). Bestimmte Formen der Trauer von Angehörigen werden unter der Bezeichnung Anhaltende Trauerstörung als Krankheitsbild der ICD-11 erfasst.
Emotionen werden fast ausschließlich in Bezug auf Patientinnen, Patienten und Angehörige berücksichtigt. In Zusammenhang mit Teammitgliedern spielen Emotionen eine untergeordnete Rolle. Zentral ist ein wertschätzender und empathischer Umgang mit den Emotionen von Patientinnen, Patienten und Angehörigen.

Kollokationen: Affekt, nonverbal, Motivation, empathisch, Labilität, Umbruchsituation, Rollenfunktion, motivational, Ausdrucksfähigkeit, Beziehung, Ausnahmesituation, kognitiv, Erschöpfung, Stabilität, Schwankung, Wertschätzung, Belastung, Starre.

Feststehender Begriff: Ja. Die beiden Bedeutungen des Wortes Emotion als Gefühl und Symptom sind gut voneinander unterscheidbar. Im Vordergrund steht in der Palliativversorgung immer die Emotion als natürliche menschliche Reaktion auf bestimmte Vorkommnisse.

Komplementärmedizin

Komplementärmedizin

Komplementärmedizin   Score-Wert:        15 (wichtiges Vokabular)

Geschichte  Komplementärmedizinische Therapieformen sind in palliativmedizinischen Fachtexten erst ab etwa 2010 von größerer Bedeutung, zuvor treten lediglich einzelne Erwähnungen auf. Begriffe wie Alternativmedizin, alternative Medizin oder alternative Heilmethoden werden in Fachtexten eher als problematisch wahrgenommen und in der Regel vermieden.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin Komplementärmedizin zählt nicht unbedingt zu den Kernbestandteilen des palliativmedizinischen Selbstverständnisses, sie stellt jedoch ein Unterscheidungskriterium von den anderen untersuchten Disziplinen dar, da sie in palliativmedizinischen Fachtexten schon früh und umfassend Beachtung gefunden hat. Wörter wie Schmerztherapie, Chemotherapie, Strahlentherapie und Radiotherapie treten vielfach häufiger auf als alle komplementären Therapieformen zusammen. Ohne Zweifel dominieren klassische evidenzbasierte Verfahren, dennoch darf das Interesse an komplementären Ansätzen als wichtiges Merkmal der Palliativmedizin bezeichnet werden. Der Einbezug komplementärer Verfahren ist eng mit dem Wunsch nach Ganzheitlichkeit verbunden. Häufig genannte Formen komplementärer Therapien sind die folgenden: Aromatherapie, Klangtherapie, Massagen, Körperentspannungsverfahren, Lach- und Humortherapie, Musik- und Kunsttherapie, Hydro- und Balneotherapie. Komplementäre Verfahren spielen eine besondere Rolle bei Störungen der Befindlichkeit wie Übelkeit und Erbrechen, Obstipation, sowie zur Schmerzlinderung und Therapien zur allgemeinen Steigerung des Wohlbefindens. Eine gewisse Sonderstellung nehmen homöopathische Verfahren ein. Der Diskurs über Homöopathie ist zweigeteilt. Vorherrschend ist eine explizit kritische Sicht auf diese Praxis, die argumentativ zum Teil mit deutlichen Worten vorgebracht wird. Dem stehen jedoch auch neutrale oder sogar implizit positive Wertungen gegenüber. Auch die Misteltherapie sticht unter den komplementären Verfahren besonders hervor. Sie ist eine der am häufigsten angewandten komplementären Therapieformen zur Verbesserung der Lebensqualität in der Krebsbehandlung und ist insbesondere mit Aspekten der Verträglichkeit und  Milderung von Nebenwirkungen von Behandlungen assoziiert. Komplementäre Methoden sind in den Palliativtexten assoziativ überwiegend mit positiven semantischen Aspekten wie Ruhe, Verträglichkeit, Natürlichkeit und geringerer therapeutischer Aggressivität assoziiert und treten häufig gemeinsam mit den Wörtern sanft, Linderung und Natürlichkeit auf. Jedoch werden in Fachtexten zum Teil gewichtige Einwände gegen komplementäre Verfahren geäußert. Dazu gehören geringes Risikobewusstsein für mögliche Folgen unterlassener oder zeitverzögerter Behandlungsschemata sowie fehlende wissenschaftliche Evidenz, Kritik seitens der Schulmedizin, mangelnde Wirksamkeit in der Praxis, unerwünschte Nebenwirkungen, Kompetenzüberschreitungen durch Nichtmediziner und eine zunehmende Aufweichung medizinischer Fach- und Organisationsstrukturen.

Kollokationen: Alternativmedizin, ganzheitlich, sanft, Linderung, Praktiker, Heilverfahren, Anwendung, Heilmethode, Ansatz, Patientenorientierung, Schulmedizin, konventionell, multidisziplinär, Natürlichkeit, Wirkung, Finanzierung.

Feststehender Begriff: Ja. Als komplementär werden Methoden bezeichnet, die als Ergänzung zu wissenschaftlich begründeten Verfahren der Medizin verstanden werden. Jedoch besteht mithin eine gewisse Unklarheit darüber, welche Verfahren als komplementär bezeichnet werden können.

Künstlerische Therapien

Künstlerische Therapien

Künstlerische Therapien  Score-Wert:        12 (wichtiges Vokabular)

Geschichte Trotz einzelner Erwähnungen um 2006 treten kunsttherapeutische Ansätze in der Palliativmedizin erst um 2010 häufiger in Publikationen auf. Ihre Bedeutung steigt besonders ab der zweiten Hälfte der 2010er Jahre, gemeinsam mit anderen Formen wie Sprach- / Schlucktherapie, physikalische Therapie, Aromatherapie, Bewegungstherapie und Yoga.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin  Künstlerische Therapien gehören zu den zusätzlich einsetzbaren nichtmedikamentösen Verfahren (wie etwa Ergotherapie, Aromatherapie, Würdetherapie usw.). Ein zentraler Wirkfaktor ist die Vorstellung einer Parallelsetzung von künstlerischen und psychischen Prozessen: Künstlerische Therapieformen ermöglichen über die nonverbale und verbalisierte Beschäftigung mit musikalisch-künstlerischen Inhalten eine Stärkung von psychischen Ressourcen, dienen zur Reduktion von Belastungserleben und Angst und können gut bei situativen und existentiellen Ängsten eingesetzt werden. Insgesamt dienen künstlerische Verfahren zur Förderung der Selbstständigkeit und Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit einer lebenslimitierenden Erkrankung, sie sind überdies effektive Maßnahmen zur Förderung von Entspannung und Wohlbefinden. Sie sind häufig mit dem Herstellen einer sozialen Interaktionssituation verknüpft (z.B. in Form gemeinsamen Malens oder Musizierens). In Fachtexten wird insbesondere die Vorstellung geäußert, dass künstlerische Therapien als „projektive Verfahren“ einen direkten Zugang zu Gefühlen ermöglichen. Kunsttherapie zielt auf den individuellen Ausdruck durch Malen und kreatives Formen und Gestalten und die Entstehung von inneren Bildern ab. Sie kann zur Beruhigung, Entspannung oder Selbstreflexion dienen und ist unmittelbar einsetzbar, weil die meisten Menschen in ihrem Leben schon einmal gemalt haben. Das kreative Schaffen stärkt die Autonomieerfahrung des Patienten und aktiviert seine Ressourcen. In der Musiktherapie lassen sich rezeptive und aktive Therapieformen unterscheiden. Bei der rezeptiven Musiktherapie werden mit dem Hören und Spüren von Musik unterschiedliche Ziele verfolgt: eine Verbesserung der Körperwahrnehmung, Entspannung, das Bewusstmachen von Gedanken und Gefühlen, Wachrufen von Erinnerungen, Reflexionen über das eigene Dasein usw. Im Rahmen der aktiven Musiktherapie sind die Patienten selbst tätig: Sie improvisieren auf leicht spielbaren Instrumenten (z.B. Schlaginstrumenten) und setzen ihre Stimme ein, ohne dass hierzu musikalische Vorkenntnisse nötig wären. Neben dem emotionalen Ausdruck dient aktive Musiktherapie auch der Förderung von Selbstwirksamkeit und der Verbesserung von Resilienz. Musiktherapeuten und -therapeutinnen sind in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten in der Onkologie/Hämatologie, Palliativversorgung und Hospizarbeit organisiert (http://www.musiktherapie-onkologie.net). 

Kollokationen: Entspannungstherapie, Ergotherapie, Meditation, künstlerisch, Aromatherapie, Physiotherapie, Musik, Freund, Wirkung, Auseinandersetzung, Ehrenamtliche, Einsatz, Anwendung, Kommunikation

Feststehender Begriff: Ja. Sowohl Musik- als auch Kunsttherapie sind als Therapieformen fest definiert, auch wenn sich in ihrer konkreten Gestaltung Unterschiede ergeben können. 

Lebensende

Lebensende

Lebensende
Score-Wert:
        28 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Schon um 2000 existieren neben Lebensende mehrere alternative Wörter mit sich überschneidender Semantik: Lebensende, Sterbephase, Sterbeprozess, letzte Lebensphase, Terminalphase, das Sterben. Ein englischer Begriff „end of life“ wird im deutschsprachigen Raum um 2000 noch nicht verwendet. Noch im Jahr 2008 steht das Wort in Anführungszeichen. Im Jahr 2010 wird end-of-life als Erstglied für verschiedene Wortbildungen (end-of-life-care, end-of-life-decisions) schließlich flächendeckend verwendet.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Die Begriffsverwendung ist wegen variierender Definitionen nicht immer unproblematisch. Es ergeben sich zwei Hauptbedeutungen:

  1. Lebensende als zeitlich ausgedehnte, nicht näher bestimmte letzte Phase des Lebens, insbesondere das hohe Alter wird in den Texten häufig genannt. Lebensende ist dann gekennzeichnet durch Veränderungen in der Ernährung, zunehmende Gebrechlichkeit, verminderte Mobilität und Aktivität, Sturzgefahr, gesteigerte Pflegebedürftigkeit, schließlich psychosoziale Einschränkungen. Sozial ist das Lebensende durch das wichtige Bedürfnis nach sozialer Nähe gekennzeichnet, wobei bei Menschen im höheren Lebensalter eine größere Gefahr der Isolation besteht.
  2. Im Gegensatz dazu wird das Wort auch als Synonym zu Sterbephase verwendet. Dann wird auf den Prozess des Sterbens im engeren Sinne Bezug genommen. Häufig sind spezifische Symptome mit dem unmittelbaren Lebensende assoziiert: Flüssigkeitsverlust, Flüssigkeitsmangel, Mundtrockenheit, Schluckstörungen und Störungen der Atmung (Keywords Atmung, Dyspnoe). Die feste Fügung Entscheidungen am Lebensende lässt den ethischen Charakter des Lebensendes erkennbar werden, das Lebensende erscheint sogar als Situation, die maßgeblich von der Entscheidungsfindung determiniert wird oder diese beinhaltet. Der Eintritt in die Phase des Lebensendes wird von den Texten zweitens als ein Anlass zur Änderung von Therapiezielen aufgefasst. Sie bezeichnet dann den Übergang vom Einsatz lebensverlängernder Maßnahmen hin zur Symptomlinderung und zur Fokussierung auf Lebensqualität.

Die tatsächlich vorliegende Bedeutung muss in Fachtexten beim Lesen aus dem Kontext erschlossen werden. Zustandsänderungen, etwa im Hinblick auf Therapieziele oder die Befindlichkeit der Patientin/des Patienten werden in den Texten vor allem durch Substantive und Verben markiert, die den Beginn einer Handlung oder einer Situation bezeichnen: Beginn, beginnen, einsetzen, Einsetzen, Eintritt, eintreten, Anfang. Diese Zustandsänderungen bestimmen auch den Zeitpunkt und die Angemessenheit von Therapieentscheidungen und Entscheidungsfindung. Am Lebensende sind zwei Teilbereiche besonders relevant, die wiederum die Lebensqualität betreffen: die physische Symptomkontrolle und die pflegerisch-umsorgende bzw. kommunikative Komponente palliativmedizinischen Handelns.

Kollokationen: Vorsorge, Übertherapie, Behandlungsabbruch, Entscheidung, Entscheidungsfindung, Therapiezieländerung, Therapiebegrenzung, Selbstbestimmung, Patientenautonomie, Versorgungssituation, Autonomie

Feststehender Begriff: Nein. In unterschiedlichen Zusammenhängen existieren verschiedene Auffassungen, wann das Lebensende beginnt.

Patientenorientierung

Patientenorientierung

Patientenorientierung, Patientenzentrierung
Score-Wert:
        16 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Erstbelege für diese Wörter treten 2004 bzw. 2006 auf, von einer systematischen und frequenten Verwendung im Sinne eines fachspezifischen Paradigmas kann ab 2012 gesprochen werden. Der Begriff Patientenzentrierung bezog sich zunächst ausschließlich auf kommunikatives Handeln, wird jedoch heute zum Teil auch als Gesamtcharakterisierung des palliativmedizinischen Ansatzes verwendet.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Es ergeben sich (tendenzielle) semantische Unterschiede in der Verwendung der einzelnen Wörter. Patientenzentrierung ist stärker auf kommunikative Akte bezogen und bezeichnet eine Haltung, die in den Texten mit spezifischen Merkmalen verknüpft ist. Hierzu gehören Achtung und Aufrichtigkeit gegenüber der Patientin/dem Patienten als Person, Zuhören, Wahrnehmen von Emotionen, offene, vermittlungsorientierte Kommunikation und aktive Rückversicherungen, ob oder wie kommunikative Botschaften verstanden wurden. Später dehnt sich die Bedeutung von Patientenzentrierung auf alle Aspekte der Palliativmedizin aus (patientenzentrierter Ansatz, d.h. eine individualisierte basismedizinische Versorgung, die sich an den Bedürfnissen der Patientin/des Patienten orientiert). Patientenzentrierte Kommunikation hat günstige Auswirkungen auf Behandlungszufriedenheit, Prozesse effektiver Entscheidungsfindung, seelisches Befinden bzw. psychische Belastung der Patientin/des Patienten. Patientenorientierung stellte nie einen Terminus dar, der explizit auf Kommunikation bezogen war, sondern vielmehr auf die Behandlung der Patientin/des Patienten selbst. Der Patientin/dem Patienten soll eine Schlüsselrolle im Behandlungsprozess zukommen, indem ihr/ihm aktiv Mitspracherechte eingeräumt werden. Patientenorientierung bedeutet dann eine Orientierung am Willen der Patientin/des Patienten. Ein selten gebrauchtes Synonym für partizipative Entscheidungsfindung ist patientenorientierte Entscheidungsfindung. Doch auch in Behandlungssituationen ohne expliziten Entscheidungsdruck kommt der Patientenorientierung eine Berechtigung zu. Sie erscheint insofern als sinnvoll, als dass Lebensqualität und die Wahrnehmung von Symptomen subjektive Erfahrungen widerspiegeln. Daher ist Symptomenkontrolle notwendigerweise schon deshalb ein patientenorientierter Prozess, weil Patientinnen/Patienten den Erfolg der palliativen Linderung individuell bewerten müssen. Komplementäre Angebote sind in der Literatur signifikant mit Patientenorientierung verknüpft, oft mit der Begründung, dass die Patientin/der Patient aus einem dieser Ansätze selbstständig auswählen soll.
Im Vergleich zur Patientenorientierung weist Bedürfnisorientierung der Patientin/dem Patienten eine passivere Position zu. Das Wort wird vor allem in Kontexten von Pflege und Betreuung verwendet, kann also einem eher pflegerischen Standpunkt zugeordnet werden. Seit 2010 ist häufiger von bedürfnisorientierter Versorgung die Rede, womit alle Teilbereiche des Versorgungsprozesses angesprochen werden.

Kollokationen: individuell, radikal, zentral, Behandlungspfad, Prozessorientierung, Vernetzung, Angehörige, kompetent

Feststehender Begriff: Nein. Allerdings können Parameter der Patientenorientierung für mehrere Teilbereiche der Palliativmedizin bestimmt werden (z.B. patientenorientierte Behandlung, patientenorientierte Kommunikation). Gleichzeitig existieren sich überschneidende Konzepte (Patientenzentrierung), sowie entsprechende feste Wortgruppen (Fokussierung auf den Patienten/die Patientin, Patient/-in im Mittelpunkt).

Patientenwille, Wille

Patientenwille, Wille

Patientenwille

Score-Wert:        15 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Neben der Lebensqualität stellt die Berücksichtigung des Patientenwillens eines der zentralsten Anliegen der Palliativmedizin dar. Der Stellenwert des Patientenwillens im Fach ändert sich beständig, und zwar in positiver Hinsicht. Allein zwischen 2009 und 2019 nahm die Häufigkeit des Wortes um 55% zu, und es wird in längeren Passagen über den Willen der Patientin/des Patienten reflektiert.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
In palliativmedizinischen Fachtexten sind zwei Arten des Wortgebrauches von Patientenwille zu unterscheiden, die semantisch deutlich voneinander abgegrenzt sind.
Der Patientenwille im allgemeinen und alltagsrelevanten Sinne bezeichnet alle patientenseitigen Willensäußerungen. Das Wort unterscheidet sich nicht erheblich von Varianten wie Wunsch, Bedürfnis oder wollen. Im Vergleich zu Bedürfnis, einem Wort, das sich vor allem auf die verschiedenen Dimensionen von Lebensqualität bezieht, ist der Begriff Patientenwille stärker mit der ethischen Kategorie der Selbstbestimmung verknüpft. In diesem Sinne bedeutet die Artikulation des Patientenwillens, vom eigenen Recht auf Selbstbestimmung Gebrauch zu machen und die eigenen Vorstellungen von Lebensqualität und Würde selbstbewusst zu artikulieren.
Der Patientenwille im juristischen Sinne bezeichnet alle juristisch relevanten Patientenäußerungen, insbesondere in Entscheidungssituationen und/oder am Lebensende. Er betrifft die individuellen Wünsche, Vorstellungen und Werte einer Person im Hinblick auf Lebensplanung und Behandlungsverlauf. Der Patientenwille kann in verschiedener Form zum Ausdruck kommen: Einerseits als aktuell erklärter Wille, andererseits bei Nichteinwilligungsfähigkeit in verschriftlichter Form als vorausverfügter Wille durch eine Patientenverfügung oder in Form einer stellvertretenden Entscheidung durch Bevollmächtigte und Betreuerinnen/Betreuer. Der juristische Begriff von Patientenwille ist wiederum mit weiteren typischen Rechtsvokabeln verknüpft:
Patientenverfügungen sind als direkter Ausdruck des Patientenwillens und damit des Selbstbestimmungsrechts zu sehen. Maßgebliche Kriterien bei der Ermittlung des Patientenwillens sind die Einwilligungsfähigkeit, das Vorliegen einer Patientenverfügung und die Existenz eines juristischen Stellvertreters. Wenn die Patientin/der Patient nicht entscheidungsfähig ist und keine Patientenverfügung vorliegt, muss der mutmaßliche Patientenwille ermittelt werden.
Ebenfalls von Bedeutung ist die Einschätzung möglicher Maßnahmen von ärztlicher Seite. Patientenwille und medizinische Indikation seitens der Ärztin/des Arztes können sich in Einzelfällen erheblich unterscheiden. Dieses Spannungsfeld stellt einen der wichtigsten ethischen Zweifelsfälle im ohnehin ethisch hochrelevanten Palliativsetting dar – beispielsweise die Frage nach dem Einsatz oder Nicht-Einsatz lebenserhaltender Maßnahmen.

Kollokationen: Ermittlung, mutmaßlich, Betreuungsstatus, erklären, eruieren, Missachtung, Durchsetzung, Behandlungswunsch, Patientenvertreter/in, Einverständnis, Berücksichtigung, Unterlassen, Wunsch.

Feststehender Begriff: Ja. Der Begriff Patientenwille umfasst alle Willensäußerungen des Patienten im Allgemeinen und juristisch relevante Willensäußerungen im Besonderen. Der Patientenwille muss in jeder Phase der Behandlung einschließlich der Sterbephase beachtet werden. Bei allen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen steht der Patientenwille im Vordergrund.

Professionelle

Professionelle

Professionelle    Score-Wert:        13,5 (wichtiges Vokabular)

Geschichte Auf dem Weg der Professionalisierung der Palliativmedizin werden Palliativmediziner, Palliativpfleger oder Palliativpsychologen zu eigenen Berufsbildern. Das Wort Professionelle wird seit Mitte der 2000er Jahre vor allem dazu verwendet, Berufstätige von ehrenamtlichen Helfern abzugrenzen.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin  Das Wort Professionelle wird in verschiedenen Publikationen auch unterschiedlich gebraucht. Es bezieht sich vordergründig auf in der Palliativmedizin oder Palliativversorgung berufstätige Personen und ist dann gleichbedeutend mit dem Wort Hauptamtliche in Abgrenzung zum Wort Ehrenamtliche. Die Verwendung des Begriffs Professionelle in Abgrenzung zu Ehrenamtlichen ist der Normalfall und macht über 85% aller untersuchten Belege aus. Ehrenamtliche und Professionelle arbeiten in vielen palliativmedizinischen Organisationen unter einem „Dach“ zusammen. In diesem Falle werden beide Gruppen unter dem Begriff Teammitglieder subsumiert. Dieses Wort hebt die gelingende Zusammenarbeit zwischen beiden Gruppen in der jeweiligen Institution hervor. Demgegenüber werden ehrenamtliche Hospizbegleiter/innen in der Regel nicht als Teil der professionellen Teams gesehen, sie sind nicht im eigentlichen Sinne Professionelle. Grundsätzlich besteht eine durchaus unterschiedliche Rollenwahrnehmung von Professionellen und Ehrenamtlichen seitens der Patienten und Angehörigen, diese können oft eine erkennbare Differenz zwischen beiden Gruppen feststellen. Das Wort Professionelle kann sich in anderen Texten aber auch auf Personen mit jeglicher Form von palliativmedizinischer Ausbildung oder Qualifikation beziehen, hierunter können auch „ehrenamtliche Professionelle“ subsumiert werden. Diese professionellen Helfer werden durch eine spezifische Ausbildung professionell befähigt, sie sind zudem Teil von Supervisionen, die ja auch hauptamtliche Mitarbeiter/innen betreffen. Das Substantiv Professionelle wird dann in einem allgemeinen Sinne besonders häufig bei der Abgrenzung von Professionellen und Angehörigen eingesetzt. Im Gegensatz zu Hauptamtlichen, deren Nennung in der Regel mit dem Wort Arbeit bzw. arbeiten verknüpft ist, wird das Handeln von Ehrenamtlichen in der Regel als Engagement oder Tätigkeit bezeichnet. Der Status als professioneller Akteur ist in jedem Falle mit der Einhaltung und Überprüfung wichtiger Qualitätsstandards verbunden. Sowohl Ehrenamtliche als auch Hauptamtliche bzw. Berufstätige haben für ihre Tätigkeit in der Regel Professionalisierungsprozesse in Form von Qualifizierungsschritten durchlaufen.  Professionelle sind – in ähnlichem Maße wie Ehrenamtliche – besonderen Belastungen ausgesetzt. Der Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden stellt eine Extremsituation dar, deren psychische Bewältigung viel Kraft in Anspruch nehmen kann. Aber auch der Behandlungsalltag kann zu großen Belastungen bei Professionellen führen.

Kollokationen: Beratung, Nichtprofessionelle, Seelsorgeperson, Grenzüberschreitung, Ehrenamtler, Ehrenamtliche, Aufgabenverteilung, Kernteam, Belastung

Feststehender Begriff: Nein. Der Begriff wird mit mehreren konkurrierenden Bedeutungen verwendet. Eine Entscheidung für eine bestimmte Verwendung sollte daher gut durchdacht werden.

 

 

Professionalisierung

Professionalisierung

Professionalisierung  Score-Wert:        13,5 (wichtiges Vokabular)

Geschichte Das Wort Professionalisierung ist in palliativmedizinischen Fachtexten nicht extrem häufig, wird aber öfter verwendet als in den anderen untersuchten Disziplinen. Es tritt erst nach 2007 systematisch und in größerer Zahl auf.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin Professionalisierung meint wörtlich zunächst den Prozess des Professionell-Werdens, die Entwicklung einer privat oder ehrenamtlich ausgeübten Tätigkeit zu einem Beruf und somit die „Verfachlichung“ einer Disziplin oder eines Berufsbildes. Im Rahmen der Professionalisierung werden häufig Qualitätsverbesserungen und Standardisierungen eingeführt, zudem steigt das Prestige des jeweiligen Berufes oder der Disziplin. Im Verlauf einer Professionalisierung geschehen verschiedene Veränderungen mit einem Tätigkeitsfeld:

  • Es wird fundiertes Sonderwissen aufgebaut, das mithilfe von wissenschaftlichen Methoden erbracht wird.
  • Es entsteht eine spezielle Fachterminologie, die von allen Personen, die im Fach tätig sind, verstanden wird.
  • Es werden lang andauernde, theoretisch fundierte Ausbildungsgänge auf akademischem Niveau eingerichtet.
  • Für die in der Disziplin beschäftigten „Professionellen“ entstehen Berufsverbände, Interessenvertretungen und Fachgesellschaften, beispielsweise hier die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin.
  • Es bildet sich ein ethischer Kodex heraus, dessen Kernpunkte von allen beruflich im Feld Beschäftigten getragen werden und sich der darüber hinaus auf das private und ehrenamtliche Engagement auswirkt.
  • Professionalisierte medizinische Fachbereiche sind Bestandteil einer Approbationsordnung.
  • Häufig entstehen Dokumente, die das Fach in seiner Gesamtheit zusammenfassen (in der Palliativmedizin etwa die S3-Leitlinie oder die Charta zur Betreuung Sterbender).

Die Professionalisierung der Palliativversorgung und Palliativmedizin vollzog sich schwerpunktmäßig zwischen 1990 und 2010, aufbauend auf den Grundlagen der seit den 1960er Jahren aktiven Hospizbewegung (Cicely Saunders). In dieser Zeit wurden die wichtigsten „professionellen“ Strukturen und Institutionen der Palliativmedizin begründet: die Fachgesellschaft, die Zeitschrift für Palliativmedizin, die Palliativmedizin als Querschnittsbereich, die SAPV und AAPV und verschiedene Lehrstühle für Palliativmedizin und die Erarbeitung der Charta. Professionalisierung wird häufig gemeinsam mit bestimmten anderen Begriffen genannt, die verwandte Prozesse bezeichnen, beispielsweise Institutionalisierung, oder Begriffen für Prozesse, die häufig mit Professionalisierung einhergehen (Spezialisierung, Bürokratisierung, Verbesserung). In der Palliativmedizin bedeutet Professionalisierung nicht nur die Verwandlung ehrenamtlicher Strukturen in Arbeitsplätze, die von hauptamtlichen Berufstätigen besetzt werden. Vielmehr lässt sich auch eine ausgeprägte Professionalisierung des Ehrenamts erkennen. Hierbei müssen ehrenamtlich Tätige neue Fähigkeiten erwerben und in ihrem Handeln bestimmten Qualitätsvorgaben genügen.

Kollokationen: Prozess, Spezialisierung, Bürokratisierung, Verbesserung, Institutionalisierung, Hospizarbeit, Anerkennung, Konsequenzen, zeitgenössisch, ehrenamtlich, Anbindung.

Qualität

Qualität

Qualität
Score-Wert:
        16,5 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Das verstärkte Interesse an Behandlungsqualität in der Palliativmedizin korreliert mit der zunehmenden Institutionalisierung des Faches, etwa in Form einer weiteren Verbreitung an Krankenhäusern oder als Teil des Curriculums in der Ausbildung. In diesem Zuge wird die Palliativmedizin immer stärker objektivierbaren Qualitätskriterien unterworfen. Insbesondere in den Jahren von 2011 – 2014 steigt das Interesse an Qualitätsaspekten in den Texten stark an. Dieser Prozess wird von der Entstehung eines ausgeprägten Qualitätswortschatzes und der Adaption von wirtschaftlichem Vokabular begleitet (Zentrum, Zertifizierung, Audit, Evaluation, Prozessoptimierung, Quantifizierung, Benchmarking).

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Der gesteigerte Stellenwert von Qualitätskriterien in Fachtexten der Palliativmedizin entspricht einerseits allgemeinen Tendenzen zur stärkeren Normierung in der Medizin, andererseits betrifft er die Palliativmedizin als Disziplin mit stark ehrenamtlicher Prägung in besonderem Maße. Auch im Bereich des Ehrenamts erfolgt im Textbefund eine immer stärkere Transformation hin zu messbaren Qualitätskriterien. Qualität spielt letztlich in allen Bereichen der Palliativmedizin eine Rolle, wobei Lebensqualität als eigener Artikel hier unberücksichtigt bleibt. In der Regel betrifft Qualität Aspekte der Versorgung (Versorgungsqualität, Pflegequalität, Betreuungsqualität) oder gesundheitsstrukturelle Aspekte (Strukturqualität, Prozessqualität, Ergebnisqualität).
Qualität wird nach operationalisierbaren Kriterien im Sinne einer Skalierung gemessen und ist mit bestimmten Messgrößen verknüpft. Qualitätsindikatoren als wichtiges Instrument des Qualitätsmanagements sollen zur stetigen Verbesserung der Versorgung dienen. Standardisierungsprozesse sind nicht nur im Hinblick auf tatsächliche Ergebnisqualität von Bedeutung, sondern bedürfen auch verschiedener Formen der Zertifizierung (z.B. Qualitätssiegel). Qualitätssicherung ist mit Prozessoptimierung verknüpft. Prozessoptimierung meint eine strukturierte Analyse von alltäglich im Krankenhaus ablaufenden Prozessen im Hinblick auf eine bessere Patientenversorgung, sie ist Outcome-orientiert. Im Idealfall entspricht eine erfolgreiche Qualitätssicherung wissenschaftlichen Standards. Qualität muss sich neben solchen formalisierten Standards immer auch an eher subjektiven Kriterien wie der Zufriedenheit von Angehörigen und Patientinnen/Patienten messen lassen. Die Etablierung entsprechender Strukturen ist zudem nicht immer problemlos möglich.
Qualitätssicherung durch Zertifizierung kann durchaus auch Kritik hervorrufen. So wird ihr ein großer bürokratischer und personeller Aufwand attestiert und ihr sich beständig wiederholender Charakter kritisiert. Der Druck, der durch sich periodisch wiederholende Evaluationen, Zertifizierungen und Formalisierungsprozesse entsteht, kann schließlich auch Auswirkungen auf die Berufsbilder der Ärztin/des Arztes und der Pflegekraft an sich haben. Wettbewerb und Konkurrenz zwischen Ärzten/Ärztinnen oder Krankenhäusern seien Gefahren für den gesamten ärztlichen Berufsstand, auch in der Palliativmedizin. Diese würden durch das zunehmend betriebswirtschaftlich anmutende Qualitätsmanagement befeuert.

Kollokationen: institutionell, technisch, Versorgung, Sicherung, Kriterium, Bestimmung, Management, Indikator, verbessern, Evidenzgrundlage, QM, Höchstmaß, Leistungserbringung, Entwicklung, Transparenz, Patientensicherheit, Ergebnis, messbar, Instrument, Standard, Finanzierung.

Feststehender Begriff: Nein. Der Qualitätsbegriff wird in einer Vielzahl von Bereichen verwendet, er entspricht in seiner Bedeutung dem alltagssprachlichen Verständnis von Qualität im Sinne von Güte.

Ressourcen

Ressourcen

Ressource
Score-Wert:
        15 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Vor 2004 ist der Ressourcenbegriff kaum verbreitet. Ausgehend von diesem Zeitpunkt entstehen nacheinander mehrere Bedeutungslinien, die in unterschiedlichen Verwendungszusammenhängen zum Tragen kommen. Die Frequenz des Wortes und der zahlreichen Wortbildungen auf seiner Basis steigen seither kontinuierlich an. Ressourcen können sowohl materielle als auch immaterielle Güter bezeichnen, sie sind als Mittel zu verstehen, die nötig sind, um ein bestimmtes Ziel bzw. einen angestrebten Zustand zu erreichen. In der Regel strebt die Verwendung des Ressourcenbegriffes auch die Vorstellung der (wirtschaftlichen) Quantifizierbarkeit eines bestimmten Gutes an.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Verschiedene Konzepte werden in der Palliativmedizin als quantifizierbare Ressourcen aufgefasst.

  1. Ökonomische Ressourcen: Dieser in der Gesundheitsökonomie verankerte semantische Zweig umfasst finanzielle, personelle und zeitliche Ressourcen, also Ressourcen im ursprünglichen Sinne. Er stellt quantitativ die vorherrschende Verwendungsweise des Wortes dar und ist eng mit dem Konzept von Sparsamkeit und Effizienz verknüpft. Ressourcen sind in aller Regel knapp bemessen, dennoch wird in palliativmedizinischen Fachtexten seltener von Ressourcenknappheit gesprochen als in anderen Disziplinen. Wirtschaftliche Ressourcen. können sowohl im Gesundheitswesen als auch bei Patientinnen/Patienten und Angehörigen lokalisiert werden
  2. Individuelle Ressourcen: Sie bezeichnen im Sinne von Coping- und Bewältigungsstrategien die psychischen, physischen und spirituelle Potentiale, auf die Personen in der Auseinandersetzung mit Krisen und Belastungen zurückgreifen können. Der Begriff zielt auf eine (im weitesten Sinne) quantitative Bewertung der Möglichkeiten, eine Belastungssituation effektiv bewältigen zu können. Aufgabe der Palliativmedizin ist es, individuelle Ressourcen richtig einzuschätzen, zu aktivieren und ggf. zu fördern.
  3. Soziale Ressourcen: Hiermit werden in den Texten vor allem die zeitlichen und psychisch-emotionalen Ressourcen der Angehörigen angesprochen, die in der Betreuung einen primären Bezugspunkt der Patientinnen/Patienten ausmachen. Selten ist metaphorisch auch von den Angehörigen selbst als Ressourcen die Rede. Idealerweise sollen sich zwischen medizinischen und hospizlichen Angeboten und der Pflege der Angehörigen Ergänzungs- und Synergieeffekte ergeben.

Diskussionen zum Begriff
Kritische Diskurse zu Ressourcen in der Palliativmedizin beziehen sich vor allem auf die gerechte Verteilung knapper Güter (vor allem Zeit und Personal) und auf ihren effizienten Einsatz. Palliativmedizinische Einrichtungen stehen unter Druck, mit den gegebenen Mitteln qualitativ hochwertige medizinische und pflegerische Versorgung zu gewährleisten. Dennoch besitzen Schlagwörter wie Rationierung, Rationalisierung und Pflegenotstand in palliativmedizinischen Fachtexten einen eher geringen Stellenwert. In der deutschen Alltagssprache bezieht sich der Begriff - seiner Herkunft gemäß - fast ausschließlich auf wirtschaftlich-finanzielle Zusammenhänge und im Hinblick auf zunehmendes Selbstmanagement auf die individuellen Regulationsfähigkeiten einer Person im Alltag.

Kollokationen: knapp, personell, finanziell, zeitlich, öffentlich, Nutzung, Bewältigung, individuell, Gesundheitswesen, Bedürfnis, Familie, Krankenhausmanagement, zahlreiche besitzanzeigende Artikelwörter

Feststehender Begriff? Nein. Das Wort Ressource wird in unterschiedlichsten Kontexten mit z.T. erheblich differierender Semantik verwendet.

Ritual

Ritual

Ritual
Score-Wert:
        30 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Die Berücksichtigung von Ritualität ist im Bereich der Humanmedizin ein absolutes Alleinstellungsmerkmal der Palliativmedizin. In keiner anderen Disziplin besitzen Rituale auch nur einen ähnlich zentralen Stellenwert. Rituale werden seit 2007 immer stärker berücksichtigt, Hochphasen des Rituals sind die Jahre von 2012–2014 und 2018–2020. Kulturgeschichtliche Reflexionen über das Wesen des Rituals sind in palliativmedizinischen Fachtexten recht häufig und ab 2010 gleichmäßig über die Texte verteilt.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Die drei Grundbedeutungen des Ritualbegriffes können bei der Lektüre von Fachtexten trennscharf voneinander unterschieden werden.
Der Begriff Ritual bezeichnet erstens regelhaft auftretende festlich-feierliche Handlungen mit zeichenhaftem Charakter, in deren Rahmen symbolisches Handeln etwa zur Betonung der besonderen Wichtigkeit einer Sache oder zur Änderung eines Status vollzogen wird. Er umfasst in der Palliativmedizin vor allem religiöse Handlungen und Rituale des Abschiednehmens und Erinnerns (Abschiedsfeier, Trauerfeier, Krankensalbung, Aussegnung), die insbesondere Angehörige betreffen. In diesen Kontext gehört auch das Paradigma der Abschiedskultur, eines einrichtungsspezifischen rituellen Umgangs mit dem Abschiednehmen. Rituale und Bräuche dieser ersten Kategorie sind häufig kulturspezifisch und bedürfen daher einer ausgeprägten Kultursensibilität beim medizinischen Personal. Dennoch sind in den Fachtexten christliche Rituale dominant.
Ritual meint zweitens den sich oft wiederholenden, immer gleichbleibenden, regelmäßigen Ablauf einer Handlung und ist dann Synonym zu dem Wort Routine. Hiermit werden insbesondere alltägliche Verrichtungen angesprochen, die zum Teil durch symbolische Handlungen mit bestimmten Bedeutungsaspekten aufgeladen werden (z.B. Einschlafritual).
Ritual bedeutet drittens eine unmittelbare therapeutische Maßnahme im eigentlichen Sinne. Rituale können – etwa um Ruhe herzustellen – bei schwerwiegenden akuten Belastungssituationen wie Übelkeits- und Atemnotattacken zum Einsatz kommen.
Verbindendes Element aller drei Ritualbegriffe ist die Möglichkeit, das Ritual als Bewältigungsstrategie einzusetzen, die Belastungserleben senken und die Lebensqualität steigern kann. Ritualität ist nicht nur auf Patienten und Angehörige beschränkt, Rituale spielen beispielsweise auch im interdisziplinären Team eine Rolle (förderliche Aspekte der Teambesprechung als Ritual), wobei Rituale einen festen Rahmen bieten, gegenseitige emotionale Unterstützung im Team fördern und vor Überlastung schützen sollen.

Kollokationen: religiös, kirchlich, Begrüßungsritual, Gewaltritual, Erinnern, Gewohnheit, Religiosität, morgendlich, Abschiedsritual, Teambesprechung, Gebet, Abschiedskultur, Krankensalbung, Symbol, Spiritualität, Abschiednehmen, Routine, Abschiedsfeier, kulturell, Vorurteil, Brauch, Seelsorge, Tradition, Wiederholung.  

Feststehender Begriff: Ja. Die Verwendung des Ritualbegriffes in der Palliativmedizin entspricht zwei alltagssprachlichen Bedeutungen, nämlich dem Gebrauch im engeren (Ritual als symbolische Handlung) und im Weiteren (Ritual als sich periodisch wiederholendes Geschehen im Alltag) und im therapeutischen Sinne (Ritual als Notfallmaßnahme).

Sinn

Sinn

Sinn
Score-Wert:        28 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Der Begriff ist nicht zeitgebunden und tritt über alle untersuchten Zeiträume hinweg mit ebenmäßiger Verteilung über die Zeit auf. Da er in seiner Semantik grundsätzlich kaum kontextgebunden ist, konnten keine wesentlichen Unterschiede in der Gebrauchsfrequenz festgestellt werden.

Bedeutungsspektrum in der Palliativversorgung
In seiner einfachsten Verwendung ist das Wort Sinn als Nutzen oder Zweck in einer alltagssprachlichen Bedeutung zu verstehen („der Sinn und Zweck einer Sache oder Maßnahme“). Dieser alltagssprachlichen Verwendung entsprechen feste Wendungen wie im engsten oder im weitesten Sinn(e). Häufig mit dem Wort Sinn erörterte Zweckmäßigkeiten sind Medikamentengaben und Therapieformen in bestimmten Kontexten, der Sinn bestimmter Kommunikationsakte, der Sinn der Errichtung einer Patientenverfügung, aber auch der Sinn makrostruktureller Maßnahmen auf Ebene des Gesundheitssystems (z.B. der Sinn der Digitalisierung). Sinn und Nutzen werden in unmittelbaren Wortumgebungen immer wieder synonym gebraucht.
Der Sinnbegriff bezieht sich in den Palliativtexten jedoch primär auf spirituelle und philosophische Zusammenhänge und existentielle Fragen. Er rekurriert beispielsweise auf die Suche des Menschen nach dem Sinn des Lebens bzw. dem Sinn der eigenen Existenz angesichts des nahenden Lebensendes. Die Suche nach dem Sinn und Zweck des eigenen Lebens wird in der Palliativversorgung als grundlegendes Interesse jedes Menschen aufgefasst, daher erfährt sie auch eine tendenziell breite Beachtung. Gerade in der Extremsituation des Lebensendes können gefestigte patientenseitige Sinn- und Deutungsmuster ins Wanken geraten. Die Sinnsuche betrifft in der Palliativversorgung vor allem die klassische Theodizee-Frage, also die Frage danach, wie das Leiden in der Welt mit der Annahme zu vereinbaren sei, dass Gott sowohl allmächtig als auch gut sei.
In einigen Kontexten wird die Suche nach dem Lebenssinn mit Emotionen und der Wahrnehmung des eigenen Körpers verbunden, die Frage nach dem Lebenssinn berührt unter diesen Vorzeichen auch den Aspekt der Ganzheitlichkeit in der Palliativversorgung. Die Suche nach dem Sinn ist nicht zuletzt auch die Suche nach Deutungsmöglichkeiten der eigenen Existenz. Sie kann eine wichtige Kraftquelle für die Verarbeitung psychischer Extremsituationen darstellen und zur Bewahrung der eigenen Überzeugungen dienen. Auch Rituale können zur Herstellung von Sinn beitragen.
Sinn und Sinngebung spielen nicht nur für Patientinnen und Patienten, sondern vor allem auch für trauernde Angehörige eine Rolle. Auch die Sinnsuche im Rahmen der Trauer der Angehörigen fällt ohne Zweifel in den Aufgabenbereich der Palliativversorgung. Besonders wichtig ist hier der Bereich der Seelsorge, de facto ist Seelsorge häufig auch weiterhin als religiöse Seelsorge gestaltet. Sowohl bei Patientinnen und Patienten als auch bei Angehörigen existiert eine sehr explizite Verknüpfung des Lebenssinns mit religiösen Vorstellungen im engsten Sinne des Wortes (Gott, Heil, Ritus, Glaube). Neben dem klassischen Topos des Trost-Findens in Gott kann die Sinnfrage auch als die Frage nach der Ungerechtigkeit Gottes verstanden werden.

Kollokationen: Trost, Trauern, Zweck, Sinngebung, eng, weit, Digitalisierung, spürbar, biologisch, ganzheitlich, Heil, Suche, Leiden, Leben, Symbol, hinterfragen, traditionell, Philosophie, Bedeutung, Gemeinschaft, ACP, Wert, Existenz, religiös, Identität, Tod, Wahrheit, Kraft, Frage, Kultur, Krankheit

Feststehender Begriff: Nein. Der Begriff liegt in einer alltagssprachlichen Bedeutung vor und unterscheidet sich nicht maßgeblich vom allgemein gebräuchlichen Sinnbegriff. Insbesondere ist das Wort Sinn jedoch in einem spirituell-religiösen Sinne zu verstehen.  

Suizid

Suizid

Suizid, Suizidalität
Score-Wert:
        13,5 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Der Umgang mit Suizidalität ist seit dem Beginn des Untersuchungszeitraums ein wichtiges Thema in der Palliativmedizin, wobei konzeptuell strikt von Belegen zu trennen ist, die sich auf ärztlich assistierten Suizid beziehen. Ein gewisser Schwerpunkt ergibt sich im Vorfeld der Diskussion um § 217 „Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“. In der Forschungsgeschichte können keine Schwerpunktphasen identifiziert werden, in denen Suizid ein überproportional hohes Maß an Aufmerksamkeit erhält.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Betrachtet man die Verwendung des Begriffs, so lässt sich feststellen, dass Suizid im Vergleich zu einer alltagssprachlichen Verwendung vergleichsweise wenige negative Konnotationen trägt. In der palliativmedizinischen Fachliteratur wird explizit auf jegliche moralische Wertung von Suizidalität verzichtet. Das Wahrnehmen eines Sterbewunsches und das Suchen nach einem respektvollen Umgang mit diesem gehören gewissermaßen zu den „natürlichen“ Aufgaben der Palliativmedizin. Todeswünsche können in ihrer Qualität unterschiedlich ausgeprägt sein. Schwerkranke Menschen, die den Wunsch zu sterben äußern, tun dies nicht zwingend unter unmittelbarem pragmatischem Handlungsdruck. Das zu erfassende Phänomen der Suizidalität lässt sich mit dem Wort Lebensverkürzung oder engl. „wish to hasten death“ gut erfassen, ohne die Assoziation einer unmittelbar bevorstehenden Lebensbeendigung herzustellen. Obwohl in der S3-Leitlinie unter der Kategorie Todeswünsche subsumiert, erscheint auf Basis der empirischen Analyse eine Trennung von Lebenssattheit, Lebensmüdigkeit und tatsächlichem (krankheitsbedingten) Suizidwunsch sinnvoll. Suizidalität ist nicht als isolierter Wille einer Einzelperson aufzufassen, sondern immer auch im Kontext der Angehörigen zu sehen. Er stellt dann vor allem eine Kategorie dar, die mit emotionalen Befindlichkeiten der Suizidhinterbliebenen verknüpft ist, etwa Trauer, Wut und Verzweiflung.
In der Fachliteratur erscheint Herausbildung von Suizidgedanken als Prozess, in dem sich Handlungsmotive im Laufe der Zeit verfestigen. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Es sind dies Symptome wie Schmerzen, Atemnot, Angst, Depressionen, Angst vor dem Verlust körperlicher und kognitiver Fähigkeiten, aber auch Angst vor Vereinsamung, medizinischer Überversorgung oder einer dauerhaften Abhängigkeit von Medizintechnik (z.B. künstliche Beatmung). Die Herausbildung von Suizidwünschen ist in den meisten Fällen sprachlich mit der Angst verknüpft, die die Möglichkeit des eigenen selbstbestimmten Handelns zu verlieren – Suizidwünsche werden daher immer wieder als Willensäußerungen aufgefasst, erneut Kontrolle über die eigene Situation zu erlangen. Eine strukturelle Verbindung des Suizids mit positiven Konzepten wie Freiheit und Selbstbestimmung, wie sie etwa in der Argumentation von Sterbehilfebefürworten hergestellt wird, wird in den Texten jedoch konsequent vermieden.

Kollokationen: assistiert, medizinisch-assistiert, Beihilfe, begehen, Suizidankündigung, Hinterbliebene, Trauerarbeit, Belastung, gemeinsam, begleiten.

Feststehender Begriff: Nein. Die der Verwendung in den Texten zugrunde liegenden Bedeutungen von Suizid und verwandten Begriffen (ärztlich assistierter Suizid, Sterbehilfe, Selbsttötung, Tötung auf Verlangen) unterscheiden sich immer wieder schon hinsichtlich der definitorisch angenommenen Merkmale einer Suizidhandlung (z.B. aktive Tathandlung vs. Unterlassen). Die Auffassung, was als Suizid zu gelten habe, ist die semantische Basis für alle Konzepte, die sich auf den Begriff Suizid beziehen.

Schmerztherapie

Schmerztherapie

Schmerztherapie  Score-Wert:        28 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte  Der Begriff ist nicht zeitgebunden und tritt über alle untersuchten Zeiträume hinweg mit ebenmäßiger Distribution auf. In der Frühphase vor etwa 2007 ist die Palliativmedizin aber insgesamt wesentlich stärker auf Aspekte der Schmerzlinderung fokussiert, als dies in späteren Phasen ihrer Entwicklung der Fall ist. Schon die Kollokationen zeigen den breiten Gebrauch des Begriffs.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin  Schmerzlinderung gehört zu den ureigensten Anliegen der Palliativmedizin, sie ist schon in historischen Quellen als wichtigste Zielsetzung nichtkurativer Therapieformen greifbar. Die Linderung von Schmerzen durch Schmerztherapie stellte gerade in der Frühphase der Disziplin eines der wichtigsten Anliegen der Palliativmedizin dar. Grundsätzlich befinden sich Schmerztherapie und Palliativmedizin in einem unauflösbaren Näheverhältnis: Schmerztherapie und Schmerzmanagement sind nicht nur praktisch-methodische Teile der Palliativmedizin, sondern gewissermaßen auch angrenzende Fachgebiete. Ein erheblicher Anteil aller Textbelege bezieht sich sehr explizit auf Tumorschmerzen und ihre Linderung, hier wird der hohe Stellenwert von Krebserkrankungen in der Palliativmedizin deutlich. Andere Ursachen für Schmerzen wie etwa Wunden oder Brüche sind in den Texten nachrangig. Trotz eines ausgeprägten Willens zur Ganzheitlichkeit werden in Palliativtexten vor allem physische Schmerzen thematisiert (nozizeptiver Schmerz), wobei vor allem Akutschmerz und chronischer Schmerz unterschieden werden. Schmerzfreiheit ist ein wichtiges Kriterium für die Lebensqualität am Lebensende, in Fachtexten ist sie in hohem Maße mit Medikamentenwortschatz verknüpft: Schmerzdiagnostik ist ein fester Bestandteil der Symptomerfassung. Unterschiedliche in Leitlinien genannte Formen der Schmerztherapie beziehen sich auf verschiedene Stufen der Schmerzintensität. Schmerztherapie ist in der Regel medikamentöse Therapie, sie kann sowohl mit Opioid-Analgetika als auch mit Nichtopioid-Analgetika durchgeführt werden. In einigen wenigen Texten werden auch Cannabinoide als eigene Substanzklasse genannt, auch wenn für ihre Wirksamkeit keine belastbare Evidenz besteht. Nebenwirkungen schmerztherapeutischer Maßnahmen werden insgesamt nur selten thematisiert. Neben der physischen Komponente können psychische und soziale Dimensionen eine Rolle für das Schmerzempfinden spielen. Cicely Saunders prägte hierfür den Begriff der Total Pain: physische, psychische, soziale und spirituelle Komponenten von Schmerzen wirken beim Schmerzempfinden zusammen. Faktisch bezieht sich der total pain-Begriff aber weniger auf die Kategorie Schmerz als auf die allgemeinere Kategorie Leid. Schmerz ist ein multidimensionales Geschehen, das den ganzen Menschen erfasst.

Kollokationen: Symptomkontrolle, medikamentös, suffizient, WHO-Stufenschema, Grundprinzip, Grundregel, invasiv, nichtmedikamentös, Überwachung, Kenntnis, adäquat, kausal, pädiatrisch, Symptomlinderung, Opioid, Analgetikum, Intensivmedizin, praktisch, ausreichend, oral, optimal, Stufe, Morphin, Nebenwirkungen, onkologisch, Tumorpatient, psychosozial, spirituell, Kinder, Jugendliche.

Feststehender Begriff: Ja. Unter dem Begriff Schmerztherapie werden alle therapeutischen Maßnahmen subsumiert, die eine Reduktion von Schmerz zum Ziel haben.

Sterbebegleitung

Sterbebegleitung

Sterbebegleitung
Score-Wert:
        26 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Der Begriff wird gerade in den Anfangsjahren der Palliativmedizin sehr positiv verwendet. Um 2006 entwickeln sich erstmals feste Fügungen (interkulturelle Sterbebegleitung, Spiritualität in der Sterbebegleitung, Achtsamkeit in der Sterbebegleitung). Um diese Zeit wird der Begriff mit positivem Vokabular angereichert, ist also für sich genommen nicht durchgehend positiv besetzt (etwa würdevolle Sterbebegleitung). Schon um 2000 existiert die fachsprachlich übliche Konstruktion ärztliche Sterbebegleitung. als ein Anliegen der Palliativmedizin im Gegensatz zur ehrenamtlichen Sterbebegleitung. Das Wort zählt auch in späteren Stichprobenzeiträumen zu den wichtigen Dimensionen palliativen Handelns, ist jedoch um 2005 nicht mehr dominantes „Kerngeschäft“, sondern lediglich eine von vielen Dimensionen palliativer Tätigkeit. Obwohl der Begriff keine ausdrückliche Abwertung erfährt, wird er seit 2017 tendenziell seltener verwendet.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Sterbebegleitung wird überdurchschnittlich häufig in hospizlichen Zusammenhängen verwendet und ist besonders in der Frühphase der Palliativmedizin eng mit Hospizbewegung und Ehrenamt verknüpft. Das Wort weist zudem eine hohe Affinität zu spirituellen Inhalten und insbesondere christlichen Glaubensvorstellungen auf. In der Palliativmedizin geht Sterbebegleitung häufig mit ethischen und sozialen Kategorien einher: Ganzheitlichkeit, Würde, Lebensqualität, Kommunikation, Autonomie, aber auch Schmerzfreiheit. Sterbebegleitung ist also nicht als punktuelle Linderung von Leid zu verstehen, sondern als Phase besonderer Zuwendung, die alle Dimensionen der Lebensqualität der Patientin/des Patienten erfasst.

Bedeutungsspektrum in anderen Disziplinen
Unbedingt zu beachten ist die Abgrenzung des Wortes zu Konzepten in anderen Disziplinen. Hier können semantische Unschärfen zu Missverständnissen des Gemeinten führen: Das Spannungsfeld semantisch verknüpfter, unmittelbar in der Nähe auftretender Begriffe reicht von Symptomkontrolle oder Symptomlinderung über Therapiezieländerung bis hin zu indirekter Sterbehilfe und Beihilfe zum Suizid. Gerade in Fachtexten anderer Disziplinen findet immer wieder eine Verengung hin zur Semantik Sterbebegleitung = ‚Steigerung der Lebensqualität durch Schmerzlinderung‘ oder ‚Erleichterung unmittelbar vor dem Tod‘ statt. Diese Wortbedeutung ist insbesondere für medizinische Rechtstexte relevant, in denen eine klare Abgrenzung zur strafrechtlich relevanten aktiven Sterbehilfe geschaffen wird:  In Bezug auf das betroffene Rechtsgut Leben liegt der Schluss nahe, dass das Interesse an Schmerzlinderung als Basis der individuellen Lebensqualität das allgemeine Lebensinteresse übersteigt. Während in vielen Referenztexten anderer Disziplinen Sterbebegleitung die Begleitung von Sterbenden „im engeren Sinne“ bedeutet (d.h. Kranke oder Verletzte, bei denen der Eintritt des Todes in kurzer Zeit zu erwarten ist), werden in die palliativmedizinische Sterbebegleitung auch Krankheitsverläufe mit ungünstiger Prognose in einem fortgeschrittenen Stadium einbezogen. Hier wird das Verständnis der palliativen Sterbebegleitung als Zuwendung in der (möglicherweise länger andauernden) letzten Lebensphase relevant. Problematischerweise wird Palliativmedizin in der Alltagssprache häufig mit Sterbebegleitung in der unmittelbaren Sterbephase gleichgesetzt. Hier bedarf es fundierter Aufklärung, welche weiteren Ziele und Aufgaben zum Profil der Palliativmedizin zählen, die über eine reine Sterbebegleitung hinausgehen.

Kollokationen: interkulturell, qualifiziert, ärztlich, Spiritualität, Achtsamkeit, Würde, würdevoll, ehrenamtlich, Dokumentation, Hospizarbeit, Sterbehilfe

Feststehender Begriff? Ja. Eine institutionelle Fixierung besteht durch die „Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung“, Ärzteblatt 108; 7 (2011).

     

Sterbehilfe

Sterbehilfe

Sterbehilfe
Score-Wert:
        22,5 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Das Schlagwort der Sterbehilfe gehört zwar grundsätzlich zu den Wörtern, die das Fachgebiet Palliativmedizin am klarsten von anderen Disziplinen abgrenzen. Gemessen an der relativen Frequenz verliert die Diskussion über Sterbehilfe jedoch – abgesehen von einer kurzen Renaissance 2015 und 2016 – kontinuierlich an Bedeutung. Der Begriff der Sterbehilfe kommt insbesondere in Zeitschriftentexten zunehmend selten vor und wird als semantisch missverständlich kritisiert, während er in Handbüchern selbst in Neuauflagen häufig konserviert wird. Von einem Verschwinden dieser Begriffsverwendung im wissenschaftlichen Kontext kann (noch) keine Rede sein – dennoch stammten im Zeitraum von 2018 – 2020 nur noch 24 % aller Belege aus aktuellen Fachartikeln.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Der Begriff der Sterbehilfe wird in immer mehr Fachtexten als generell inadäquat betrachtet und nur noch in Anführungszeichen verwendet, beispielsweise in neueren Zeitschriftenveröffentlichungen oder der S3-Leitlinie Palliativmedizin V. 2.0, 2019. Eine fortgesetzte Verwendung lässt sich unter anderem durch die Herstellung eines größeren Bezugsrahmens erklären, der eine Rückbindung an häufig geführte Alltagsdiskurse erlaubt, in denen das Wort noch mit größerer Selbstverständlichkeit gebraucht wird. Das Wort Sterbehilfe verfügt über drei semantische Komponenten: Erstens den artikulierten Willen der Patientin/des Patienten, eine Lebensverkürzung herbeizuführen, zweitens die Anerkennung der eigenen Hilfsbedürftigkeit bei diesem Vorhaben, drittens die Hilfsbereitschaft eines Dritten, beispielsweise der Ärztin/des Arztes. Die Verwendung des Wortes kann insofern Missverständnisse begünstigen, als dass dem Konzept „Hilfe“ die Vorstellung einer aktiven Handlung zugrunde liegt, die in dieser Form nicht gegeben ist. Es werden (im weitesten Sinne des Wortes) drei Arten der Sterbehilfe unterschieden:
Aktive Sterbehilfe/ Tötung auf Verlangen: Intervention eines Dritten mit dem primären Ziel, das Leben der Patientin/des Patienten zu verkürzen. Entsprechend einer Tötung auf Verlangen wird die Tötungshandlung durch die Patientin/den Patienten veranlasst, aber durch eine dritte Person durchgeführt. Diese Form der Sterbehilfe wurde in der Geschichte der Palliativmedizin niemals ernsthaft in Erwägung gezogen, sie befindet sich außerhalb des in der Fachkultur Vertretbaren.
Indirekte Sterbehilfe/Therapien am Lebensende: Hierunter lassen sich Maßnahmen subsumieren, die zur Leidenslinderung der Patientin/des Patienten indiziert sind, wobei die Möglichkeit lebensverkürzender Effekte bewusst in Kauf genommen wird („Nebenwirkung“, „Doppeleffekt“).
Passive Sterbehilfe („Sterben zulassen“): Das Zulassen des Sterbens wird in der überwiegenden Mehrzahl der Fachtexte befürwortet, wenn Behandlungsmaßnahmen nicht mehr indiziert sind oder die Patientin/der Patient nicht in diese einwilligt. In Zusammenhang mit passiver Sterbehilfe taucht immer wieder der Begriff Palliative Sedierung auf. Palliative Sedierung wird eingesetzt, um Leiden durch Verminderung der Bewusstseinslage möglichst zu begrenzen, trotzdem ist eine möglichst geringe Sedierungstiefe angezeigt. Der Begriff terminale Sedierung wird wegen seiner offensichtlichen negativen Konnotationen in der Fachkultur insgesamt nur noch sporadisch verwendet.
Unabhängig von der konkreten Ausprägung ergibt sich für jedes beschriebene Setting die Notwendigkeit einer umfassenden Begleitung und Aufklärung der Patientin/des Patienten.

Kollokationen: passiv, aktiv, indirekt, Euthanasie, Alternative, Selbstmord, Legalisierung, strafbar, Beihilfe, Strafe, Verbot, Sterbebegleitung, unterlassen, Suizid, Debatte, Diskussion, Verzicht, erlauben.

Feststehender Begriff: Nein. Gerade in palliativmedizinischen Fachtexten findet immer wieder eine kritische Reflexion darüber statt, welche Handlungen als Sterbehilfe aufgefasst werden. Zudem existieren Überschneidungen zu anderen Konzepten.

Sterbender

Sterbender

Sterbende, Sterbender
Score-Wert:
        30 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Sterbender/Sterbende zählt schon seit Beginn der Untersuchung zu den Schlüsselwörtern der Palliativmedizin, wobei sich eine immer größere Tendenz zur Komplexitätssteigerung und zum Einbezug neuer Teilaspekte ergibt. In jüngerer Zeit werden neben Aktivität und Fragen der Diversität am Lebensende stärker thematisiert, der Erwerb von interkulturellen Kompetenzen und die Berücksichtigung kulturspezifischer Eigenheiten im Umgang mit Sterbenden gehören zum Aufgabenprofil der Palliativversorgung.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Das Lebensende (und damit der Status als Sterbende/Sterbender) zählt zu den wichtigsten thematischen Aspekten und der Palliativmedizin und steht im Fokus. Die Palliativmedizin versteht sich vor allem auch als medizinische Teildisziplin des Lebensendes. Der oben angesprochene Kausalzusammenhang verdeutlicht, dass das Lebensende eine Phase mit erheblicher zeitlicher Ausdehnung sein kann. Der Status als Sterbende/Sterbender ist deshalb hinsichtlich spezifischer Merkmale weniger klar definiert als etwa Terminal- oder Finalphase, dennoch aber oft mit bestimmten Symptomen assoziiert (z.B. Atemnot, reduzierter Appetit, Flüssigkeitsmangel).
Im Unterschied zur unmittelbaren Sterbephase liegt der semantische Fokus des Wortes Sterbende/ Sterbender auf einer stärkeren Ganzheitlichkeit. Sterbende verfügen über unterschiedlichste Bedürfnisse, die es zu berücksichtigen gilt, dennoch kommt vor allem der symptomlindernden Maßnahmen ein zentraler Status zu. Darüber hinaus gehend bestehen die folgenden Kernanliegen der Palliativmedizin, die in Fachtexten mit Sterbenden assoziiert sind: Eine würdevolle Gestaltung des Lebensendes, die Gewährleistung der Lebensqualität der Patientin/des Patienten nach den verschiedenen Dimensionen, Eingebundenheit und die Ermöglichung sozialer Interaktionen und eine adäquate Begleitung. Das Lebensende ist – wie auch andere Lebensphasen – als sozialer und kommunikativer Raum aufzufassen, in dem der oder die Sterbende agiert.
Die Diagnose "sterbend" ist Anlass und Argument für die Therapiezieländerung weg von Lebensverlängerung hin zu einem Erhalt von Lebensqualität. In Fachtexten ist der Status als Sterbende/ Sterbender semantisch nicht zuletzt als die Zeit nach einer Therapiezieländerung zu verstehen.
Mit dem Begriff der/des Sterbenden ist unmittelbar ethische Frage nach Unter- bzw. Übertherapie am Lebensende angesprochen, die als Balanceakt zwischen Autonomie und Patientenfürsorge zu verstehen ist. Eine Reflexion ethischer und juristischer Implikationen einer Therapie oder das Vorliegen einer Übertherapie muss beständig erfolgen, besonders, wenn Maßnahmen wegen ihres unklaren therapeutischen Nutzens von dem/der Sterbenden und dessen/deren Angehörigen als „Leidensverlängerung“ erlebt werden. Limitationen liegen dann nicht in der „Machbarkeit“ einer Maßnahme oder in der verfügbaren Medizintechnik begründet, sondern in der Sinnhaftigkeit medizinischen Handelns.

Kollokationen: Vorsorge, Übertherapie, Behandlungsabbruch, Lebenswelt, Entscheidung, Entscheidungsfindung, Futility, Überversorgung, Flüssigkeitsgabe, Therapiezieländerung, existenziell, Therapiebegrenzung, Patientenautonomie, Migrationshintergrund, Sedierung, terminal, Selbstbestimmung, Diversität, Würde.

Feststehender Begriff: Ja. In der Regel bezeichnet der Begriff der/des Sterbenden eine Person in der Phase des Lebens, in der eine terminale Erkrankung vorliegt und das Sterben absehbar ist. Angelegt wird also kein zeitliches (eine bestimmte Dauer von Wochen oder Monaten vor dem Tod) oder symptomenbezogenes Kriterium, sondern eine Kausalität (eine Krankheit, von der begründet angenommen werden kann, dass sie in absehbarer Zeit zum Tod führt).

Sterbephase

Sterbephase

Sterbephase, Finalphase, Terminalphase
Score-Wert:
         22,5 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Es liegt nahe, dass der Wortschatz rund um die Phase des Sterbens in der Palliativmedizin ausgeprägter und differenzierter ist als in anderen medizinischen Disziplinen. Schon um 2000 existierten verschiedene Bezeichnungen für das unmittelbare Lebensende bzw. die Sterbephase, verknüpft mit jeweils unterschiedlichen Bedeutungsspielräumen. In den letzten zehn Jahren kam es tendenziell zu einer semantischen Schärfung und gegenseitigen Abgrenzung der Begriffe.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Der Eintritt in die Sterbephase wird von den Texten als ein Anlass zur Änderung von Therapiezielen aufgefasst. Sie bezeichnet dann den Übergang vom Einsatz lebensverlängernder Maßnahmen hin zur Symptomenkontrolle und zur Steigerung der Lebensqualität. In Kontexten rund um die Sterbephase häufen sich Verben des Wahrnehmens, Fühlens und Interpretierens, und so ist der Eintritt in die Sterbephase primär als eine Kategorie der äußeren Wahrnehmung aufzufassen. Ihr Erkennen, Identifizieren, Einschätzen oder Wahrnehmen ist ein zentrales Ziel des multiprofessionellen Teams.
Die Terminalphase meint gewissermaßen eine Sterbephase im weiteren Sinne, die mit spezifischen Symptomen verknüpft ist: neben Flüssigkeitsmangel spielen vor allem abnehmende Mobilität, Bettlägerigkeit, Schwächegefühl, zeitweiliger Verlust der Orientierung und abnehmendes Interesse (an Essen und Trinken) eine wichtige Rolle. Auch Dehydrierung/Dehydratation, Mundtrockenheit, Schluckstörungen, Flüssigkeitsverlust, Erbrechen oder Durchfall gehören zu den wichtigsten sprachlichen „Markern“ der Terminalphase.
Die Finalphase schließlich bezeichnet die Phase unmittelbar vor dem Eintritt des Todes. Häufig erwähnte Symptome sind Dehydratation, Dyspnoe bzw. Atemnot, Obstipation, Übelkeit, Unruhe, Schmerz, Tumorschmerz. Insbesondere der Schmerz am Ende des Lebens nimmt eine wichtige Position in der unmittelbaren Wortumgebung ein und ist als Kollokation dominant. In der Forschung besonders beachtet wurde die Finalphase bei Tumorerkrankungen (Kollokationen Malignomerkrankung, Tumor, Krebs). Der gesteigerten Bedeutung der Symptomlast entsprechend kommt der Linderung das größte Gewicht in den Belegstellen zu.
Obwohl Terminalphase und Finalphase im Vergleich zu den anderen behandelten Begriffen meist konsistent und semantisch „trennscharf“ verwendet werden, existiert auch hier keine einheitliche Definition. So variiert die angegebene maximale Dauer der Finalphase zum Teil stark von mehreren Tagen bin hin zu mehreren Wochen. Die Notwendigkeit für eine präzise Einteilung in unterschiedliche Phasen und ihre Verankerung in spezifischen, beobachtbaren Symptomen wird anhand der Tatsache deutlich, dass Behandlungsentscheidungen auf Basis der individuellen Beobachtung von Symptomen durch den Arzt getroffen werden. Diesen Beobachtungen kommt angesichts der möglichen Konsequenzen für die Patienten eine hohe ethische Relevanz zu.

Kollokationen: Willensbildung, Sedierung, schwerstkrank, Schwäche, Flüssigkeitssubstitution, Lungenrasseln, friedvoll, Delir, Sauerstoffgabe, Dehydratation, Schmerz, Mundtrockenheit, Dyspnoe, Obstipation, Übelkeit, Unruhe, Angst, Sterbeprozess, Schmerztherapie, Opioid, Tumor, Krebs Therapiezieländerung, Sterbenlassen, Patient, Begleitung, Ritual, Abschied, Malignomerkrankung.

Feststehender Begriff: Nein. Die drei häufigen Wörter erfüllen jeweils unterschiedliche Funktionen bzw. umfassen eigene semantische Sphären. Terminalphase und Finalphase sind begrifflich augenscheinlich deutlich und bewusst voneinander abgegrenzt: beide Phasen folgen zeitlich aufeinander, die Wörter werden zumeist als Begriffspaar gebraucht.

Suizid ärztlich assistiert

Suizid ärztlich assistiert

Suizid, ärztlich assistierter
Score-Wert:
        22,5 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Das Wort ist seit dem Beginn des Betrachtungszeitraums fester Bestandteil der Diskussion um das Verhältnis von palliativen und lebensverkürzenden Maßnahmen. Belege, die sich auf ärztlich assistierten Suizid beziehen, machen quantitativ den größten Teil der Belege für das Wort Suizid aus. Ein Höhepunkt ergibt sich, beginnend mit der Diskussion um § 217 StGB, im Zeitraum von 2015-2019 (vierfache Frequenz des Vorjahres). Rechtlich gesehen war der ärztlich assistierte Suizid zunächst als Beihilfe zum Suizid zu werten und als solche straflos, dennoch wurde auch in den vor 2015 erschienenen Texten auf die besondere ärztliche Verantwortung hingewiesen und der ärztlich assistierte Suizid durchweg abgelehnt, insbesondere mit Verweis auf medizinethische Positionen und dem verbreiteten Argument des „Dammbruchs“. Das Hospiz- und Palliativgesetz (HPG) wurde als gangbare Alternative und Stärkung der palliativen Kultur positiv aufgenommen. Die kritische Reflexion der Gesetzeslage ist jedoch noch keinesfalls beendet. In den Jahren seit 2018 gewinnt die Diskussion um den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) in den Fachtexten an Bedeutung.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Während der Suizidbegriff in palliativmedizinischen Fachtexten vor allem unter Rückgriff auf persönliche Beweggründe verhandelt wird, spielt in Argumentationslinien rund um den ärztlich assistierten Suizid der ethische oder rechtsförmige Charakter von Handlungen eine zentrale Rolle. Die in den Texten vollzogenen Diskussionen bewegen sich im Spannungsfeld von ethischen Imperativen und positiviertem Recht. Insofern die gesetzgeberische Lösung in der Ärzteschaft in mehrfacher Hinsicht zu Irritationen führte, gehört die Evaluation der Rechtssicherheit bei spezifischen ärztlichen Handlungen zu den wichtigsten Textinhalten. Ärztlich assistierter Suizid entspricht wie jede auf vorzeitige Beendigung des Lebens abzielende Maßnahme nicht der Haltung der meisten palliativmedizinischen Fachtexte. Dennoch wird die in § 217 vorgeschlagene Lösung immer wieder kritisch als Einschränkung palliativmedizinischer Handlungsautonomie aufgefasst. Zudem hat auch die Definition, welche Handlungen als Suizid, welche als geschäftsmäßig zu werten seien, maßgeblichen Einfluss auf den „Spielraum“ ärztlicher Handlungsfähigkeit.
Palliativmedizinische Fachtexte zeigen oft auf, dass keine zwingende Verbindung zwischen ärztlich assistiertem Suizid und der Patientenautonomie besteht. Maßgeblich ist, dass der Begriff der Würde in den Texten von der autonomen Bestimmung des eigenen Todeszeitpunktes abgekoppelt wird. Korrespondierend zur Ablehnung von ärztlich assistiertem Suizid bildet die gemeinsame Bewältigung von Leid am Lebensende eine der grundlegenden Säulen palliativen Handelns. Um Kontrolle und Selbstbestimmung bis an das Lebensende zu erhalten, können patientenseitig auch eine Patientenverfügung und eine individuelle gesundheitliche Versorgungsplanung (Advance Care Planning) in die Überlegungen einbezogen werden.

Kollokationen: assistiert, medizinisch-assistiert, Beihilfe, begehen, geschäftsmäßig, Strafbarkeit, Verbot, Strafe, Tötung, Euthanasie, Schweiz, Selbsttötung, Hinterbliebene, Handlung.

Feststehender Begriff: Nein. Bei den in den Texten zugrunde liegenden Bedeutungen von ärztlich assistiertem Suizid und konzeptuell verknüpften Begriffen (Sterbehilfe, Tötung auf Verlangen, Sterbebegleitung, Beihilfe zum Suizid, Therapieverzicht, palliative Sedierung) wird auf unterschiedliche Definitionsvorschläge Bezug genommen. Diese unterscheiden sich oftmals schon im Hinblick auf das Verständnis von Suizid beträchtlich.

Therapieabbruch, Behandlungsabbruch, Therapiebegrenzung

Therapieabbruch, Behandlungsabbruch, Therapiebegrenzung

Therapieabbruch, Behandlungsabbruch, Therapiebegrenzung
Score-Wert:
        13,5 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Das in der Palliativversorgung verbreitete Verständnis von Sterbehilfe wird maßgeblich von juristischen Konzepten beeinflusst.  Es entspricht aber in vielfacher Hinsicht nicht dem Verständnis und dem tatsächlichen Anspruch der Palliativversorgung. In vielen Palliativmedizinischen Publikationen werden seit etwa 2006 mehrere Alternativbegriffe verwendet. Diese ermöglichen es, die Handlungsmöglichkeiten der Palliativversorgung am Lebensende präziser zu erfassen. Sie sind zentrale Gegenstandsbereiche des palliativen Ansatzes.

Bedeutungsspektrum in der Palliativversorgung
Therapiezieländerung, Therapieverzicht, Therapiebegrenzung, Therapiebeendigung, Therapiereduktion, Therapiebeschränkung, Therapierückzug und Therapieabbruch beziehen sich auf eine völlig andere Vorstellungswelt als die früher geläufigen Begriffe passive oder indirekte Sterbehilfe, die Liste ließe sich noch weiter ergänzen. Nicht alle Begriffe dieser Kategorie können gleichermaßen umfänglich behandelt werden. Zur passiven Sterbehilfe besteht schon insofern eine gewisse Ähnlichkeit in den Kollokationen, als dass die unmittelbaren lexikalischen Umgebungen von Therapieabbruch, Therapierückzug, Therapiebeendigung, Sterbenlassen und passiver Sterbehilfe eine Interpretation als Unterlassungshandlungen nahelegen. Dagegen tritt die Semantik fortgesetzter Aktivitäten am Lebensende eher in den Hintergrund, im Fokus steht die Beendigung kurativer Therapieformen und die damit verbundene Frage nach dem Nutzen entsprechender medizinischer Maßnahmen, es besteht eine starke Assoziation mit dem Konzept der Futility, also der fehlenden Indikation bzw. der Vergeblichkeit dieser medizinischer Maßnahmen am Lebensende. Die Kollokationen verdeutlichen zudem, dass die Frage nach der Einwilligungsfähigkeit eines Patienten eine maßgebliche Rolle spielt, ein Aspekt, der im Kontext des Wortes Therapiezieländerung praktisch keine Rolle spielte. Es existieren zwei konkurrierende Interpretationen des Wortes: Einerseits lässt sich unter Behandlungsabbruch das Nichtweiterführen einer Therapie, also deren aktiven Abbruch verstehen, andererseits das Unterlassen weiterer Behandlungen. Mit Therapieverzicht ist das Nichtergreifen einer lebenserhaltenden Maßnahme gemeint. Das Wort Therapierückzug lässt sich kaum deutlich fassen, es kann seiner Semantik gemäß das Nicht-Weiterführen einer bereits begonnenen Maßnahme im Sinne eines „Auslaufen-Lassens“ einer Therapie bedeuten als auch die abrupte Beendigung einer Maßnahme (z.B. die Beendigung einer Beatmung). Therapiereduktion kann der Wortbildungsbedeutung gemäß die Fortsetzung therapeutischer Maßnahmen in geringerem Umfang bedeuten, gleichzeitig ergibt sich immer wieder aber auch Synonymie zu Therapieabbruch und Therapiebeendigung. Behandlungsabbrüche und verwandte Konzepte sind ethisch in hohem Maße reflexionsbedürftige Vorgänge, entsprechende Entscheidungen müssen im Rahmen der Entscheidungsfindung gemeinsam mit den Patienten und Angehörigen getroffen werden.

Kollokationen: Therapiereduktion, Therapieverzicht, Strahlentherapie, Sterbehilfe, Lebensende, entscheidungsfähig, Prozess, Unterlassen, Entscheidung, Nutzen

Feststehender Begriff: Nein. Trotz semantischer Unterschiede überschneiden sich die Begriffe schon untereinander stark, gleichzeitig bestehen Interferenzen zum Wort Therapiezieländerung. Teilweise ergibt sich Synonymie zu Sterben zulassen, Sterbenlassen, indirekte und passive Sterbehilfe. Hier mangelt es jeweils an einer trennscharfen Definition, eine terminologische Differenzierung des Feldes ist bisher nicht gelungen.

Therapiezieländerung

Therapiezieländerung

Therapiezieländerung, Therapieabbruch und verwandte Begriffe

Score-Wert:        14 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Noch um 2008 sind Wortbildungen, die Bezug auf eine „Richtungsänderung“ in der Behandlung nehmen, sehr selten, die Wörter Therapieabbruch, Therapieverzicht und Therapiebeendigung dominieren den Diskurs. Die positiver konnotierten Wörter Therapiezieländerung und Therapierückzug treten ab 2006 vereinzelt und ab 2008 regelmäßig auf. Therapierückzug verschwindet um 2010 wieder aus den Texten.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Die Frage nach der Gestaltung des Lebensendes muss nicht als primär ethische Frage gestellt werden – sie ist immer auch eine Frage nach der Angemessenheit medizinischer Maßnahmen. In palliativmedizinischen Fachtexten steht daher häufig die medizinische Komponente des Handelns am Lebensende im Vordergrund. Die Einleitung entsprechender Maßnahmen ist Teil der Entscheidungsfindung und damit wiederum auf kommunikative Prozesse zwischen Ärztin/Arzt und Patientin/Patient zurückzuführen.
Das Wort Therapiezieländerung kennzeichnet im Korpusbefund das Vorhandensein mehrerer Optionen, gewissermaßen einen Scheideweg: Grundsätzlich hat die Ärztin/der Arzt aufgrund seiner professionellen Verantwortung zu entscheiden, welche Behandlungsmöglichkeiten indiziert sind, wobei eine Konsultation der Patientinnen/Patienten erfolgt. Metaphorisch bezeichnet die Therapiezieländerung einen Übergang zwischen zwei Zuständen: Einer kurativen Zielsetzung in der ersten Phase steht eine palliative oder symptomorientierte Zielsetzung (Kollokationen: Symptomkontrolle, Linderung, Abmilderung) in der zweiten Phase relativ klar gegenüber. Mithin wird in Palliativpublikationen explizit hervorgehoben, dass es sich bei einer Therapiezieländerung nicht um eine negativ assoziierte „Ersatzhandlung“ handelt, die direkt zur Sterbephase hinführt. Vielmehr ist in den meisten Texten lediglich der Übergang zur Phase des Lebensendes gemeint. Zum Teil erfolgt explizite Abgrenzung zum Wort Therapiebeschränkung sowie zu klischeehaften Formulierungen wie "austherapiert sein" und "Wir können nichts mehr für Sie tun!".
Als stärker auf eine Einschränkung bzw. ein Ende medizinischer Maßnahmen abzielende Begriffe werden Behandlungsbegrenzung, Therapiebeschränkung und Therapiebegrenzung in den Texten faktisch als Synonyme verwendet. Die Semantik dieser Wörter kann wie folgt umrissen werden: Alle Situationen, in denen laufende lebenserhaltende Maßnahmen entweder beendet oder erst gar nicht aufgenommen werden, können als Behandlungsbegrenzung bezeichnet werden. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn aus ärztlicher Perspektive eine Indikation lebenserhaltender Maßnahmen fehlt oder die Patientin/der Patient seine/ihre diesbezügliche Einwilligung verweigert (Verzicht auf lebenserhaltende Maßnahmen). Kontextuell ist allen voran eine stärkere Verknüpfung mit Wörtern, die Prozesse im Kontext des Sterbens und des Lebensendes bezeichnen, auffällig. Dabei kommt eine vor allem subjektiv durch die Patientin/den Patienten erlebte Unterscheidung zwischen aktivem Handeln (Abbruch einer laufenden Maßnahme) und passivem Unterlassen (Nicht-Beginnen einer Maßnahme) zum Tragen.

Kollokationen: Gespräch, Beratung, Urteil, Fallbesprechung, Tod, lebensverlängernd, kurativ, palliativ, Entscheidung, interdisziplinär, ethisch, Sterbephase, Prozess, existenziell, Behandlungsziel

Feststehender Begriff: Nein. Eine große Bandbreite an Begriffen mit z.T. erheblichen semantischen Überschneidungen. Für diesen Bereich statistisch relevante Wörter sind Therapiezieländerung, Therapieverzicht, Therapiebegrenzung, Therapierückzug und Therapieabbruch, wobei dieses Feld sicherlich noch ergänzt werden könnte. Die genannten Wörter sind für die Palliativmedizin sehr spezifisch und in anderen Disziplinen insgesamt selten.

Unterstützung

Unterstützung

Unterstützung, unterstützend
Score-Wert:
        26,5 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Es ergeben sich keine eindeutigen Veränderungen in der Häufigkeit des Wortgebrauchs.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Der Wortstamm zählt mit durchschnittlich 861 Belegen pro Million Wörter zu den am häufigsten gebrauchten Stämmen überhaupt, allein in der neuen S3-Leitlinie finden sich 183 Belege. Dabei existieren mehrere feste Wortverbindungen: das Muster Unterstützung + Präpositional- oder Genitivattribut (Unterstützung von Angehörigen/Patientinnen/Patienten, Unterstützung bei existenziellen Fragen; Unterstützung der Angehörigen) erscheint auffällig häufig, ebenso die Verwendung als Adjektivattribut (unterstützender Umgang, unterstützende Haltung). Die Unterstützung von Patientinnen/Patienten und Angehörigen ist eine facettenreiche, multidisziplinäre und ganzheitliche Tätigkeit, die zu den Kernaufgaben der Palliativversorgung gehört. Folgende Aspekte wurden im Korpus als signifikant ermittelt:
Ziele der Unterstützung: In der Regel bezeichnet Unterstützung eine situationsbezogene Bewältigungs- oder Entlastungsmaßnahme, die eng mit der Lebensqualität von Patientinnen/Patienten und der Belastung von Angehörigen verknüpft ist. In emotionaler, psychischer, psychosozialer und spiritueller Hinsicht ist Unterstützung eng mit Vokabular der Empathie und verstehenden Zuwendung assoziiert. Die konkrete Ausgestaltung der Unterstützung bleibt grundsätzlich dem einzelnen Teammitglied überlassen, jedoch besteht in den Texten Übereinstimmung darin, dass Unterstützung im Sinne einer Bedürfnisorientierung jeweils ausgehend vom individuellen Patienten bzw. von der individuellen Patientin erfolgen muss. Schließlich können auch diagnostische und therapeutische Maßnahmen für Patientinnen/Patienten und ihre Angehörigen eine Belastung darstellen, die zusätzlich zur Erkrankung, den Symptomen und der Gesamtsituation existiert.
Formen der Unterstützung: Unterstützung kann auf pflegerischer, psychosozialer, psychologischer, beratend-kommunikativer, emotionaler oder spiritueller Ebene erfolgen, idealerweise erfasst sie als multidisziplinäre Maßnahme zugleich alle relevanten Bereiche. Dabei ist sie immer an den Bedürfnissen der Angehörigen orientiert.
Institutionalisierung: Die Legitimität palliativmedizinischer Unterstützung ist in den Texten an ihre Qualität und den Grad ihrer Professionalisierung geknüpft (kompetent, professionell, Unterstützungsangebot, Supervisionsangebot usw.), wobei durchaus auch Ehrenamtliche eingeschlossen werden. Medizinische Professionalität ist insbesondere für die Unterstützung von Patientinnen/Patienten und Angehörigen relevant, etwa bei der Therapiezielfindung, der Entscheidungsfindung, der Förderung des Krankheitsverständnisses und der Krankheitsbewältigung (coping). Alle diese Bereiche sind stark mit den Konzepten Selbstbestimmung und Autonomie verknüpft und gehören zum Kern des Konzeptes Palliativmedizin. Die alltagssprachliche Bedeutung von Unterstützung ist in palliativmedizinischen Fachtexten von untergeordneter Bedeutung. Häufige Muster sind: finanzielle Unterstützung der Palliativmedizin, gesellschaftliche Unterstützung und Akzeptanz, gegenseitige Unterstützung von Teammitgliedern, Unterstützung von Ehrenamtlichen.

Kollokationen: Patient/-in, Angehörige, multidisziplinär, finanziell, psychosozial, emotional, Bewältigung, Beratung, professionell, politisch, praxisbezogen, Entlastung, Hilfestellung, spirituell, psychologisch, kompetent, ehrenamtlich, ermutigen

Feststehender Begriff: Es müssen zwei Bedeutungen unterschieden werden. Eine erste Bedeutung entspricht der alltagssprachlichen Verwendung, bei der sich eine genaue Einordnung als schwierig gestaltet. Gleichzeitig wird Unterstützung in der Palliativmedizin als positiv konnotiertes Fachwort verwendet, das über eine palliativspezifische Bedeutung (unterstützende Haltung ggü. Patientinnen / Patienten / Angehörigen) und über sehr spezifische Verwendungsmuster verfügt.

Versorgung

Versorgung

Versorgung
Score-Wert:
        26 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Der Aufbau von Versorgungsangeboten stellt einen der wichtigsten Aspekte der Geschichte der palliativmedizinischen Fachkultur dar. Der Stand der Verfügbarkeit von Palliativversorgung ist in älteren palliativmedizinischen Fachtexten eines der wichtigsten Themen rund um den Stellenwert des Fachs. Sie gehen einher mit Bemühungen, die Palliativmedizin institutionell zu etablieren, ihre geographische Ausbreitung zu fördern und eine gewisse gesellschaftliche Durchdringung zu erreichen. In dieser Frühphase sollte Palliativversorgung größeren Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden. In Texten jüngeren Datums pluralisieren sich die Versorgungsangebote und ihre Struktur, dennoch ist die Möglichkeit der Gewährleistung einer hochwertigen flächendeckenden Palliativversorgung weiterhin ein wichtiges Thema.  

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Versorgung bezeichnet die grundsätzliche Möglichkeit, ein palliativmedizinisches oder hospizliches Angebot in Anspruch zu nehmen. Das Wort ist häufig mit strukturellen Fragen des Gesundheitsmanagements verknüpft: Versorgungsqualität, outcome-Kriterien, Zugang zu Versorgung, Koordination, Netzwerk, Kompetenz sowie mit der wichtigen Dichotomie ambulant – stationär. In Fachtexten wird eine kontinuierliche Verbesserung der Versorgung angestrebt, wobei die flächendeckende Versorgung ländlicher Räume eine besondere Herausforderung darstellt. Eine integrierte bzw. sektorenübergreifende Versorgung erscheint als Idealvorstellung. Die im deutschen Gesundheitssystem existente große Zahl von Schnittstellen zwischen den Sektoren wird in den palliativmedizinischen Fachtexten zum Teil als Defizit dargestellt, das auch die Versorgungsqualität beeinträchtigen kann. Insbesondere wird eine bessere Kommunikation zwischen einzelnen Sektoren angestrebt. In der Versorgung ist zwischen (1) Patienten- bzw. Bedürfnisorientierung und (2) Bedarfs- bzw. Versorgungsgerechtigkeit zu unterscheiden. (1) meint eine Gesundheitsversorgung, die sich an den subjektiven Bedürfnissen ausrichtet und in der Autonomie und Souveränität als Schlüsselwerte umfassend berücksichtigt werden. Beide Begriffe können synonym gebraucht werden, wobei sich Patientenorientierung in den Fachtexten stärker auf Aspekte der Kommunikation und Information bezieht, während Bedürfnisorientierung eher auf materielle, psychische oder spirituelle Aspekte abzielt. Bedarfsgerechtigkeit betrifft dagegen die Frage nach medizinischer Angemessenheit eines Angebots. Gemeint ist damit eine Versorgung, die dem Bedarf der Patientin/des Patienten entspricht, d. h., die er nach möglichst objektiven Kriterien der Pflege und Behandlung benötigt. Alle drei Wörter sind im palliativmedizinischen Fachdiskurs der Gegenwart sehr positiv besetzt. Mit Bedarfsgerechtigkeit sind auch medizinische Fehlentwicklungen in der Versorgung angesprochen, wobei zwischen Überversorgung(Nutzen einer Maßnahme ist nicht hinreichend gesichert), Unterversorgung (Maßnahme wird trotz objektiven Bedarfs verweigert) und Fehlversorgung(Entstehung eines vermeidbaren Schadens, manchmal als Oberbegriff) differenziert wird. Bedarfsgerechtigkeit kann sich sowohl auf die medizinische Versorgung individueller Patientinnen/Patienten beziehen (adäquate Versorgung), als auch auf die gerechte Verteilung begrenzter Ressourcen innerhalb des Gesundheitssystems.

Kollokationen: Sterbe(ns)qualität, integriert, häuslich, Versorgungslücke, Lücke, medizinisch-pflegerisch, bedarfsgerecht, familienorientiert, flächendeckend, schmerztherapeutisch, hausärztlich, psychoonkologisch, psychologisch, ganzheitlich, palliativmedizinisch, hospizlich, ländlich, Zugang, Sicherstellung

Feststehender Begriff: Ja. Begriffe wie Versorgungsstrukturen und Versorgungsformen werden in der erweiterten S3-Leitlinie Palliativmedizin definiert und umfangreich thematisiert. Der Versorgungsbegriff ist jedoch semantisch derart weit gefasst, dass eine unüberschaubare Anzahl an Einzelaspekten denkbar ist.

Wertschätzung

Wertschätzung

Wertschätzung, wertschätzend
Score-Wert:
        22,5 (zentraler Kernwortschatz)

Geschichte
Das Wort Wertschätzung tritt zwar bereits um 2000 in palliativmedizinischen Fachtexten auf, jedoch in einer nicht-fachsprachlichen Form und mit eher geringer Frequenz. Das Wort wird anfangs fast ausschließlich in Aufzählungen mit anderen positiv konnotierten Wörtern genannt, während das konkrete Verständnis von Wertschätzung in der Palliativmedizin noch kaum ausgeprägt ist. Erst später wird es möglich, spezifische Bedeutungsaspekte palliativer Wertschätzung herauszuarbeiten. Ziel von Wertschätzung ist in dieser Frühphase fast ausschließlich die Patientin/der Patient. In der Fachgeschichte wird die Wertschätzung von Teammitgliedern oder Pflegekräften erst recht spät thematisiert, die gegenseitige Wertschätzung von Kolleginnen/Kollegen im Team ist der letzte entstehende Bedeutungsaspekt, der sich erst um 2015 durchsetzt.

Bedeutungsspektrum in der Palliativmedizin
Das Wort kann in der gegenwärtigen palliativmedizinischen Fachsprache – abhängig vom Kontext – in mehreren Bedeutungen gebraucht werden. Allen gemeinsam ist der Gedanke der Gegenseitigkeit, der auch in den Kollokationen deutlich sichtbar wird.
a) Wertschätzung im Sinne von Respekt, Achtung oder Würde: Diese Bedeutung ist weit verbreitet und zwischen 2000 und 2009 dominant. Sie bezeichnet die Pflicht, der Patientin/dem Patienten als Individuum respektvoll gegenüberzutreten und deren/dessen Würde zu bewahren. Insbesondere tritt hier der Bedeutungsaspekt der Handlungsautonomie hervor, wobei Wertschätzung als Abwesenheit von Bevormundung aufgefasst werden kann.
b) Wertschätzung als Empathie und emotionale Wärme: Diese Kategorie bezeichnet die zunehmende Tendenz, die erste Bedeutungskategorie situativ mit emotionsbezogenen Aspekten anzureichern. Wertschätzung zielt hier darauf ab, die Befindlichkeit des Patienten/der Patientin zu erfassen und eine positive, warmherzige Atmosphäre im Sinne einer verstehenden Zuwendung zu schaffen.
c) Wertschätzung als kommunikative Haltung: In diesem Sinne bezeichnet Wertschätzung die aktive Haltung einer kommunikativen Gleichwertigkeit von Patientin/Patient und Ärztin/Arzt im Gespräch, insbesondere gegenseitiges Zuhören und kommunikative Achtung. Kommunikative Wertschätzung dient dazu, die ungleiche Informations- und Machtverteilung im Gespräch gering zu halten und eine von Machtgefällen möglichst unverzerrte Kommunikationskultur zu bewahren. Dieser Aspekt der Wertschätzung kann sich sowohl auf Patientinnen/Patienten (Wissenshierarchie, Expertenstatus der Ärztin/des Arztes) als auch auf hierarchische Kommunikation im Team (Statushierarchie) beziehen.
d) Wertschätzung als Anerkennung individueller Leistungen: Diese Kategorie bezieht sich auf den gegenseitigen wertschätzenden Umgang von Personen im beruflichen Feld. Sie bezeichnet die Wertschätzung, die der medizinischen Arbeit eines Teammitglieds sowohl von Patentinnen und Patienten und Angehörigen als auch von Kolleginnen und Kollegen entgegengebracht wird. Damit sind nicht in erster Linie materielle Zuwendungen oder Vorteile gemeint, sondern das „Eingebettet sein“ von Teammitgliedern in ein positives Arbeitsumfeld, in dem Werte wie Freundlichkeit, Zuverlässigkeit und Solidarität gelebt werden.

Kollokationen: bedingungslos, Grundhaltung, respektvoll, gegenseitig, Respekt, Anerkennung, Dialog, Zuwendung, Empathie, Kultur, Sterbebegleitung, Vertrauen, Verstorbene, Beziehung, Sicherheit, Kommunikation

Feststehender Begriff: Nein. Es können aber übereinstimmende semantische Merkmale der Wertschätzung bestimmt werden.

Wille

Wille

Wille
Score-Wert:        15 (wichtiges Vokabular)

Geschichte
Wegen der teilweisen Mehrdeutigkeit von Wille und Patientenwille kann keine einheitliche Entwicklung im Gebrauch dieser Wörter nachgezeichnet werden. Patientenwille im Sinne eines im Rahmen der Patientenverfügung erklärten Willens (vgl. auch mutmaßlicher Patientenwille und erklärter Wille) ist dagegen wohldefiniert und wird in den Jahren 2012–2014 und 2015–2017 mit deutlich gesteigerter Frequenz verwendet.

Bedeutungsspektrum in der Palliativversorgung
Die Wörter Wille und Patientenwille werden in der Fachliteratur der Palliativversorgung in vielfältigen semantischen Kontexten verwendet, zum Teil mit unterschiedlichen Bedeutungen.
Dominant ist sicherlich die Verwendung von Wille und Patientenwille in Zusammenhang mit der Patientenverfügung als Rechtsinstrument (Kollokationen mutmaßlicher, vorausverfügter, erklärter Wille). Diese Kontexte sind stark mit Rechtsvokabular verknüpft. Der mutmaßliche Wille kommt zum Tragen, wenn eine Patientin/ein Patient in nicht einwilligungsfähigem Zustand behandelt werden muss, ohne sich vorher (im einwilligungsfähigen Zustand) schriftlich oder mündlich zur Durchführung der konkreten medizinischen Behandlung erklärt zu haben. Der Patientenwille ist in konkreten juristisch relevanten Behandlungssituationen häufig Auslegungssache. Die Behandlung muss gemäß der ärztlichen Indikation - dem (mutmaßlichen) Willen der Patientin/des Patienten folgend - durchgeführt oder unterlassen werden. Kollokationen weisen klar darauf hin, dass der unsichere mutmaßliche Patientenwille ermittelt werden muss und großen Interpretationsspielräumen unterliegt. Der Patientenwille beansprucht unmittelbare Gültigkeit. Weder Betreuerin/Betreuer noch Teammitglieder dürfen sich über ihn hinwegsetzen. Teammitgliedern  kann aber sehr wohl eine unterstützende Rolle im Hinblick auf die Ermittlung des Patientenwillens zukommen.  Dabei sind auch entsprechende ethische Werthaltungen aller Beteiligten bedeutsam.
Einer zweiten Bedeutung gemäß kann Patientenwille auch im Sinne einer Willensäußerung im Kontext medizinischer Entscheidungsfindung ohne explizite Verknüpfung mit einer Patientenverfügung gebraucht werden. Der Wille der Patientin/des Patienten ist im Kontext von Behandlungsentscheidungen unbedingt zu beachten, die Entscheidungsfindung ist als kommunikativer Aushandlungsprozess zwischen Behandelnden und Patientin/Patient zu verstehen (vgl. Artikel ‚Kommunikation‘).
Patientenwille und besonders Wille können drittens auch im Sinne von Wünschen der Patientin/des Patienten verstanden werden, dies in direkter semantischer Nähe zu Bedürfnisorientierung und Patientenorientierung. Diese Bedeutung ist gegenüber den beiden erstgenannten als nachrangig zu betrachten. In der Regel ist von den ersten beiden Bedeutungen auszugehen.

Kollokationen: Betreuungsstatus, ungeklärt, mutmaßlich, erklärt, unklar, konträr, Eruierung, Eruieren, eruieren, Ermittlung, Eindeutigkeit, irreversibel, gerichtlich, vorausverfügt, rechtswidrig, niedergelegt, Durchsetzung, Missachtung, Respektierung, respektieren, wirklich, Unklarheit, Feststellung, Vermittler, Vorausverfügung, Einvernehmen.

Feststehender Begriff: Ja. Die Bedeutung des mutmaßlichen Patientenwillens ist klar definiert. Andere „Arten des Willens“ sind jedoch zum Teil in völlig anderen semantischen Bereichen angesiedelt.

Hinweise zur Erstellung und zum methodischen Vorgehen

  • Mit Hilfe von Keywordberechnungen können für eine Textsammlung besonders wichtige (signifikante) Wörter herausgearbeitet werden.
  • Es basiert auf empirischen Ergebnissen computergestützter linguistischer Forschung.
  • Die Datenbasis umfasst die wichtigsten deutschsprachigen Veröffentlichungen zur Palliativmedizin der Jahre 2000–2020, inklusive Leitlinien, Empfehlungen und Texten aus dem Internet. Durch regelmäßige Aktualisierungen sollen auch gegenwärtige Entwicklungen Eingang in das Handbuch finden. Insgesamt wurden 1884 Texte mit 13,1 Mio. Wörtern untersucht.
  • Es erfasst kontroverse Wörter in ihren nicht-eindeutigen und zum Teil strittigen Bedeutungen im Diskurs und sensibilisiert sprachlich für ethische Diskussionen über Tod und Sterben.
  • Es sensibilisiert für unterschiedlich interpretierte oder bisher nicht eindeutig festgelegte Begriffsverwendungen und schafft begriffliche Klarheit.
  • Es setzt Kommunikationsvorstellungen von Ärztinnen und Ärzten, Pflegepersonal, Patientinnen und Patienten und Angehörigen miteinander in Beziehung.
  • Es wird gemeinsam von Experten aus Palliativmedizin und Sprachwissenschaft erstellt.

Hinweise zur Zitation

Joachim Peters, Maria Heckel, Christoph Ostgathe (2020): Schlüsselbegriffe in der Palliativversorgung. Online-Handbuch. abrufbar unter https://www.uker.de/pm-handbuch

 
Autoren Ansprechpartner

Joachim Peters, M.A.
Universität Erlangen-Nürnberg
Department Germanistik und Komparatistik
Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft
Bismarckstr. 1
91054 Erlangen
Telefon: +49 9131 85 23934
E-Mail: joachim.petersatfau.de
Homepage

Dr. Dr. Maria Heckel
Universitätsklinikum Erlangen
Palliativmedizinische Abteilung
Forschungsstelle
Hartmannstraße 14
91052 Erlangen
Tel: 09131 - 85 42514
Fax: 09131 - 85 34312
maria.heckelatuk-erlangen.de

Prof. Dr. med. Christoph Ostgathe
Leiter der Palliativmedizinischen Abteilung
Präsident der European Association for Palliative Care (EAPC)
Universitätsklinikum Erlangen
Krankenhausstraße 12
91054 Erlangen
Tel: +49 9131 85 34064
Email: christoph.ostgatheatuk-erlangen.de
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